Bulle und Bär
Der etwas andere Dax

An den Börsen herrscht Rekordlaune. Der amerikanische Dow-Jones-Index ist seinem ehemaligen Allzeithoch aus dem Jahr 2000 bereits um Längen enteilt, der breiter gefasste S&P 500 hat es ihm inzwischen gleichgetan, und jetzt nehmen auch die ersten Börsen in Europa ihre Höchststände aus der Zeit der Jahrtausendwende in Angriff.

FRANKFURT. Unter den führenden europäischen Indizes zählt der Deutsche Aktienindex (Dax) neben dem spanischen Ibex-35 und dem Schweizer SMI zu den Vorreitern der Rekordjagd. Mit rund 7950 Punkten ist er nur noch zwei Prozent von jenen 8 136 Punkten entfernt, die er am 7. März 2000 erreichte.

So weit wie Dow Jones, S&P 500 oder SMI ist der Dax jedoch bei weitem noch nicht. Anders als alle anderen führenden Aktienindizes der Welt, die auf der reinen Kursentwicklung ihrer Mitglieder basieren, ist er nämlich als so genannter Performance- oder Total-Return-Index konzipiert. Das heißt: Sämtliche Erträge, die Anleger mit ihrem Aktienengagement erzielen, werden in den Index hineingerechnet. Das gilt insbesondere für Dividendenausschüttungen, die im Gegensatz zu Kursindizes wie dem Euro-Stoxx-50 oder dem amerikanischen S&P 500 nicht per Dividendenabschlag aus dem Dax herausgerechnet werden.

Da die deutschen Unternehmen in den vergangenen Jahren kontinuierlich höhere Dividenden ausschütteten – für 2006 zahlen allein die Dax-Konzerne 27,9 Milliarden Euro nach 21,1 Milliarden im Vorjahr – gewinnt der Index schon dadurch sukzessive an Wert. Wie groß dieser Effekt ist, zeigt ein Blick auf den Kursindex des Dax, den die Deutsche Börse ebenfalls berechnet, der in der öffentlichen Wahrnehmung aber keine Rolle spielt. Mit gut 5200 Punkten notiert der Index noch satte 20 Prozent unter jenem Niveau von 6 266 Punkten, auf dem er vor sieben Jahren parallel zum prominenten Bruder seinen Hochpunkt fand. Allein im laufenden Jahr hat der Kursindex auf Grund der fehlenden Dividenden vier Prozentpunkte auf die Performance-Variante verloren.

Vergleicht man den Dax auf dieser Basis mit seinen europäischen Pendants, bekommt man eine Ahnung davon, warum ausländische Investoren seit Monaten auf deutsche Aktien schwören. Von den größeren europäischen Indizes sind nämlich lediglich der AEX in Amsterdam und das pan-europäische Barometer Stoxx 50 weiter von ihrem Allzeithoch entfernt als der Dax-Kursindex.

Dies für sich genommen, lässt natürlich keine Aussagen über die zukünftige Wertentwicklung an der deutschen Börse zu – zumal eine Korrektur nach dem schnellen Anstieg des Dax irgendwann kommen muss. Der genauere Blick auf den Kursindex zeigt aber einmal mehr, dass deutsche Aktien verglichen mit der High-Tech-Euphorie im Jahr 2000 nicht teuer sind. Und dass diejenigen, die heute schon wieder eine Blase wie damals auszumachen glauben, kräftig übers Ziel hinausschießen.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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