Bulle & Bär
Der Parketthandel – ein vorgezogener Nachruf

Im Mai kommenden Jahres macht die Frankfurter Wertpapierbörse (FWB) ihren Parketthandel dicht. Für Nostalgiker, die daran gewöhnt waren, an den Stirnfalten der Makler den Dax-Verlauf ablesen zu können, sind betrübt.
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FRANKFURT. Aus, Schluss, vorbei. Im Mai kommenden Jahres macht die Frankfurter Wertpapierbörse (FWB) ihren Parketthandel dicht. Früher als erwartet übrigens; der ursprüngliche Plan hatte das Ende für's Frühjahr 2012 vorgesehen. Schade, sagen wir Nostalgiker!

Der Parketthandel wird uns fehlen, als Korrektiv gewissermaßen. Kurse, die noch von Menschenhand gemacht und nicht von irgendwelchen Hochleistungscomputern ausgespuckt werden. Wir Nostalgiker brauchen Kursmakler aus Fleisch und Blut, die über das Parkett eilen und wild gestikulieren, sich die Haare raufen, fluchen, jubeln; Makler, an deren Stirnfalten wir den Dax-Verlauf ablesen können. Kurzum: Wir brauchen jemanden, der der verrückten Börsenwelt ein Gesicht gibt.

Für uns Nostalgiker ist das ein fauler Kompromiss

Das weiß man auch bei der Deutschen Börse – und versucht es deswegen mit einem Trick. Die Parkettgesichter sollen uns nämlich erhalten bleiben, oh ja. Sie heißen ab Mai 2011 nur nicht mehr Kursmakler, sondern Spezialisten. Was für ein komischer Name! Wir Nostalgiker sind auch Spezialisten – mehr oder weniger.

Gemakelt wird auf dem Börsenparkett nicht selbst, das übernimmt künftig der Computer. Die Spezialisten sollen den Handel von Wertpapieren, die weniger liquide sind, also weniger oft gehandelt werden, begleiten, wie es so schön heißt. Zeitungen und Fernsehstationen bekommen weiter ihre Bilder aus dem Handelssaal, einer Art Theaterkulisse samt Schauspielern. Der Parketthandel ist tot, lang lebe das Parkett – ein fauler Kompromiss für uns Nostalgiker!

Wir fürchten die zunehmende Technisierung des Börsenhandels, Computer sind uns nicht geheuer. Mit Schaudern erinnern wir uns an den Blitzcrash an der New Yorker Wall Street, als im Mai der alterwürdige Dow Jones Index in wenigen Minuten mehr als 1 000 Punkte einkrachte. Die sogenannten Hochfrequenzhändler, also letztlich superschnelle Computer, sollen den mysteriösen Kurssturz im Frühjahr ausgelöst haben. Ein Mausklick genügt: diskret, anonym, gefährlich.

Allein deswegen mögen wir Nostalgiker unsere Makler. Sie, so glauben wir, werden schon die besten Kurse für uns makeln. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Wir kennen ihre Gesichter, wissen, wo wir sie finden. Wir können uns im Notfall bei ihnen beschweren!

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