Bulle & Bär
Deutsche Aktien: Weder Teuer noch billig

Deutsche Aktien sind zwar gut gelaufen, teuer sind sie aber nicht. Noch vor wenigen Wochen - ehe die Unsicherheit an die Börsen zurückkehrte - zogen sich viele Experten auf diese Argumentation zurück, wenn sie ihre positiven Prognosen für den hiesigen Aktienmarkt begründeten. Inzwischen werden aber auch die Ausblicke der Profis zunehmend vorsichtiger.

FRANKFURT. Der Dax hat sich von seinem Hoch über 8 000 Punkten bekanntlich knapp 500 Punkte entfernt. Dennoch ist nach wie vor von den günstigsten Aktien die Rede. Mittlerweile dienen diese den Experten aber eher als Beweis dafür, dass das weitere Rückschlagpotenzial begrenzt ist.

Aber wie günstig sind deutsche Aktien - stellvertretend gemessen an den Dax-Werten - tatsächlich? Auf den ersten Blick ist gegen die Analysen der Profis nichts einzuwenden: Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 13 ist der Dax aktuell historisch gesehen sehr günstig. Er liegt damit deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt, in dem sich die Kurse beim 16-fachen der Gewinne bewegen. Von Bewertungsspitzen wie zu Zeiten des Internet-Booms der 90er-Jahre sind deutsche Aktien ohnehin weit entfernt.

Aus diesen Zahlen zu schließen, dass der Dax grundsätzlich attraktiv ist, wäre aber ein voreiliger Schluss: Denn das KGV von 13 für den Gesamtindex täuscht darüber hinweg, dass einzelne Mitglieder längst nicht so attraktive Kennzahlen aufweisen. Vielmehr spiegelt der niedrige Wert in erster Linie die abnormal tiefen Bewertungen von Finanzwerten wider: Mit Commerzbank, Deutscher Bank, Postbank und Hypo Real Estate sowie den Versicherern Allianz und Münchener Rück stellt der Finanzsektor immerhin ein Fünftel der Dax-Werte - und verzerrt mit KGV-Werten zwischen sechs und acht das Bild gewaltig. Rechnet man die Finanzwerte hinaus, die ja nicht ohne Grund so billig sind, sondern deshalb, weil ihnen die Anleger nicht über den Weg trauen, nähert sich der Dax schnell seiner historischen Durchschnittsbewertung an.

Denn außerhalb des Finanzsektors sind nach Daten von Bloomberg mit BASF, BMW, Continental, Deutscher Lufthansa, MAN und Thyssen-Krupp nur sechs Dax-Konzerne nennenswert günstiger als in den vergangenen Jahren. Dem stehen immerhin ein Dutzend Werte gegenüber, deren Kurs-Gewinn-Verhältnisse bereits über ihren langjährigen Schnitt hinausgeklettert sind, darunter viele Index-Schwergewichte.

Unter dem Strich führt dies zu dem Ergebnis, dass deutsche Standardwerte aktuell eher fair als günstig bewertet sind. Schaut man auf die nachlassende Konjunkturdynamik und die langsamer steigenden Gewinne der Dax-Unternehmen, scheint das Potenzial für die Börsen mittelfristig begrenzt. Auf außerordentliche Kurssteigerungen von 15 bis 30 Prozent, wie sie deutsche Aktien in den vergangenen Jahren erzielten, sollten Anleger nicht mehr setzen.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%