Bulle und Bär
Deutsche Anleger verschmähen US-Werte

Wenn es stimmt, dass das Anlageverhalten deutscher Privatinvestoren ein Kontraindikator für die künftige Kursentwicklung ist, dann sind US-Aktien derzeit einen näheren Blick wert.

DÜSSELDORF. Fraglos schert sich die Wall Street kaum um die Dispositionen deutscher Anleger - die Werte aus den USA derzeit allenfalls mit spitzen Fingern anfassen. Und fraglos gibt es gewichtige Gründe, US-Aktien derzeit skeptisch zu sehen: Der Immobilienmarkt gilt als überhitzt, das Handelsbilanzdefizit ufert aus, das Wirtschaftswachstum schrumpft, und dem Dollar sagen Ökonomen eine weitere Abwertung voraus.

Tatsächlich aber schütten deutsche Anleger das Kind mit dem Bad aus. Sie gewichten US-Aktien, als seien die Vereinigten Staaten ein riskantes Schwellenland, obwohl auf US-Titel im Weltaktienindex MSCI World noch immer rund 45 Prozent entfallen.

So beträgt derzeit der Anteil von US-Aktien an allen Aktienengagements in den Depots von professionellen Vermögensverwaltern hier zu Lande nur rund zwölf Prozent. Das geht aus der jüngsten Untersuchung des unabhängigen Rankinginstituts Firstfive hervor, das die Transaktionen von mehr als 300 deutschen Vermögensverwaltern auswertet.

Noch pessimistischer sind deutsche Privatanleger gestimmt. Auf Basis einer Analyse von über 100 000 Depots errechnet das Münchener Institut für Vermögensaufbau derzeit eine Quote für US-Papiere von nur rund drei Prozent an allen Einzelaktien. Dabei handelt es sich meist um ausgebombte Technologiewerte.

Der Bild bessert sich auch nicht mit der Berücksichtigung von Investmentfonds. Vier Prozent des in Deutschland in Aktienfonds investierten Vermögens entfällt derzeit nach Berechnungen des Branchenverbands BVI noch auf Produkte mit dem Anlageschwerpunkt Nordamerika. Selbst wenn alle global anlegenden Aktienfonds in den Depots deutscher Anleger US-Werte derzeit so gewichteten, wie es der Vergleichsindex MSCI World vorsieht, läge der US-Anteil über alle Aktienfonds hinweg nur bei rund zehn Prozent.

All diese Quoten fallen noch niedriger aus, zöge man nicht nur Aktien, sondern sämtliche Wertpapieranlagen als Grundgesamtheit heran.

Das ist selbst für notorische USA-Skeptiker aus drei Gründen ein Renditerisiko. Erstens erwirtschaften viele US-Konzerne längst wesentliche Umsätze und Gewinne außerhalb der USA. Zweitens täuschen tägliche Allzeithochs im Dow Jones Index schnell darüber hinweg, dass viele Blue Chips - etwa General Electric, IBM, Pfizer oder Coca-Cola - derzeit auf Euro-Basis um mehr als 50 Prozent unter ihren alten Höchstständen der späten 90er-Jahren notieren. Drittens müssen die Volkswirtschaften und Aktienmärkte Europas und Asiens selbst im Krisenfall erst einmal den Beweis antreten, dass sie sich von den USA emanzipiert haben.

Anleger tun daher gut daran, im Hinblick auf die Quote für US-Aktien ein gesundes Mittelmaß zu finden - zwischen Ignoranz und der MSCI-Quote von 45 Prozent.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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