Bulle & Bär
Die böse Börse!

Viel Geschrei um nichts - oder? Die Kurse an den Finanzmärkten gehen in den Keller und die Anleger sind in heller Aufregung. Ist dieses Lamento gerechtfertigt? Eine nüchterne und emotionslose Blick hilft bei der Lagebeurteilung.

FRANKFURT. Der Deutsche Aktienindex hat in kurzer Zeit rund 15 Prozent seines Wertes verloren, nachdem er in den vergangenen drei Jahren mehr als 180 Prozent gewann. Die populärste Aktienmesslatte überhaupt – der Dow–Jones-Index – hat zuletzt rund zehn Prozent verloren. Das Plus in vier Jahren zuvor lag bei 60 Prozent.

Zu verdächtig sind auch marktschreierisch wirkende Prognosen über das mögliches Ende des Megatrends bei Rohstoffen. Die populären Rohstoffindizes sind in vier Jahren um 100 bis 150 Prozent gestiegen. Jetzt haben sie gerade einmal zehn Prozent verloren. Viel Geschrei um nichts also. Auch eine 20prozentige Minuskorrektur im Rohölpreis ist kein verlässliches Signal für das Ende des Rohstoffbooms; denn die Hausse der vergangenen sechs Jahren ließ Öl um mehr als 500 Prozent steigen.

Es scheint, als stamme das Gezeter über Preisabschläge bei Rohstoffen vor allem von jenen, die diese Anlageklasse schon immer dubios fanden und die möglicherweise enttäuscht darüber sind, weil sie durch ihre eigenen Engagements Auslöser der Überhitzung in diesen Märkten waren. Was Kommentatoren und Analysten verzweifeln lässt, ist die Tatsache, dass die Aktien-, Immobilien- und Rohstoffpreise just zu jenem Zeitpunkt fielen, als tiefe Risse des globalökonomischen Bildes gekittet zu sein schienen. Europas Konjunktur kommt in Fahrt und leistet ihren Beitrag zum Weltwirtschaftswachstum und viele Unternehmen fahren Rekordgewinne ein. Die ökonomische Basis für die Börse könnte eigentlich nicht besser sein. Doch was macht die Börse zum Leidwesen der Anleger? Sie misstraut der Ökonomie-Blüte und geht auf Talfahrt. Böse Börse!

Wieder einmal müssen Anleger Anschauungsunterricht nehmen und erkennen: Börse und Realwirtschaft ticken völlig anders. Um die Turbulenzen nüchtern beurteilen zu können, muss die Funktionsweise der Finanzmärkte verstanden werden. Wichtig ist: Börsen bilden nicht den Status quo der Realwirtschaft ab. Börsen „leben“ bereits in der Zukunft. Sie reflektieren das, was ökonomisch gesehen kommt. Sieht sie dort Risiken, reagiert sie mit schwächeren Kursen. Und an Risiken - darüber besteht wohl kein Zweifel - gibt es nun wirklich keinen Mangel.

Spannender als die Auseinandersetzung mit den Wehklagen enttäuschter Anleger und unverstandener Kommentatoren ist die Frage über die Botschaft der Finanzmärkte im Hinblick auf die Zukunft der Weltwirtschaft. Sind die Kursverluste und Preisrückgänge nur „typische“ Gewinnmitnahmen oder denkt die Börse bereits weiter und will sie uns sagen, dass einer der zahlreichen Risiken bald für wirkliches Ungemach in der Weltwirtschaft sorgen wird? Noch spricht vieles für die erste Variante - noch!

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