Bulle und Bär
Die neuen Reichen

Die Armen von einst haben das Bittsteller-Image abgelegt. Flossen früher die Geldmittel von den reichen Industrieländern in die armen Entwicklungsländer, so ist es heute umgekehrt: Die neuen Reichen finanzieren den Konsum auf Pump im Westen.

FRANKFURT. Nichts ist so, wie es war: Reich ist arm, und arm ist reich. Scheinbar fest gefügte Säulen des einstigen Weltbildes sind ins Wanken geraten. Gekippt sind die Verhältnisse von Industriestaaten und Schwellenländern, die Preisrelationen an deren Börsen; die Machtverhältnisse haben sich markant verschoben. Es geht um nicht weniger als um eine Entwicklung von historischer bisher unbekannter Dimension.

Der Paradigmenwechsel beginnt bereits mit der Sprache. Ganz allmählich wurden Begriffe wie "Entwicklungsland" ausrangiert. Heute ist von "aufstrebenden Ländern" oder "Emerging Markets" die Rede. Kein Wunder, wachsen die Ökonomien doch im Schnitt drei Mal so stark wie die der westlichen Länder. China legt jedes Jahr um die zehn Prozent zu - seit drei Jahrzehnten.

Früher finanzierten die Industrieländer die "Entwicklung" in hungerleidenden Regionen. Heute haben die Armen von einst das Bittsteller-Image abgelegt. Sie profitieren von der Rohstoffhausse und rasantem wirtschaftlichen Wachstum, häufen Exportüberschüsse an. Eine paradoxe Welt: Früher flossen die Geldmittel von den reichen Industrieländern in die armen Entwicklungsländer. Heute ist es umgekehrt: Die neuen Reichen finanzieren den Konsum auf Pump im Westen, insbesondere in den USA.

Allein China mit seinen Devisenreserven von inzwischen 1,4 Billionen Dollar ist ein eigener Machtfaktor im globalen Polit-Poker geworden. Würde China die wachsenden Überschüsse nicht weiter in amerikanische Staatsanleihen investieren oder deren Bestände gar verringern, wären der Dollar und damit die US-Wirtschaft wohl verloren.

Beim Thema Zukunftsvorsorge haben die Vorbilder ebenfalls gewechselt. Allein die Finanzierung der Pensionsverpflichtungen für die Staatsbediensteten im Westen steht auf mehr als wackligen Füssen - auch ein Resultat der Verschwendungspolitik. Die rohstoffreichen Emerging Markets werfen ihre Einnahmen oft nicht zum Fenster hinaus, sondern lenken die Milliarden in Fonds für künftige Generationen. Davon kann Otto Normalverbraucher hierzulande nur träumen.

Das Börsenbild passt ins veränderte Weltbild. Inzwischen sind Aktien der Schwellenländer teurer als die an den westlichen Märkten - das war lange unvorstellbar. Der Westen wurde schlicht abgehängt, wie Experten von Fortis jetzt ausgerechnet haben: für die Gewinne an den Emerging Markets in den vergangenen fünf bis sechs Jahren brauchten Anleger an den etablierten Märkten ein sattes Jahrhundert.

Es liegt wohl mehr als ein Jahrzehnt zurück, dass Emerging-Markets-Guru Mark Mobius vom Fondshaus Franklin Templeton diese Frage beantworten musste: "Wie viel Prozent seines Geldes soll der Anleger in den aufstrebenden Ländern investieren?" Seine Antwort löste damals Kopfschütteln aus: "Alles!" Für langfristige Anlagen ist das nach wie vor keine schlechte Empfehlung.

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