Bulle & Bär
Die Probleme der Zertifikatebranche

Es läuft im Moment nicht richtig rund für die deutsche Zertifikatebranche. Anleger, die in die mit Terminmarktbausteinen konstruierten Wertpapiere investiert haben, mussten zuletzt eine Reihe von Enttäuschungen hinnehmen. Die Branche ist dafür nur zum Teil selbst verantwortlich.

FRANKFURT. Technische Probleme, die Anleger in turbulenten Marktphasen vom Handel ausschlossenen, sind ohne Zweifel hausgemacht. Auch für trendige Produkte, die aggressiv vertrieben wurden, im Praxistest aber scheiterten, tragen die Banken die Verantwortung. Anderes wiederum wird den Emittenten derzeit zu Unrecht angelastet: So haben die Banken nie einen Hehl daraus gemacht, dass Zertifikate Inhaberschuldverschreibungen sind und dadurch die Gefahr eines Totalausfalls bergen, falls der Emittent insolvent wird. An Aufrufen, bei der Produktwahl auf die Bonität der Anbieter zu achten, hat es nicht gefehlt.

Vor allem aber können die Zertifikate-Emittenten nichts für die deutlichen Kursrückgänge an den Aktienbörsen, die auch ihre Produkte in Mitleidenschaft gezogen haben. Dass etwa etliche Bonuszertifikate ihren Sicherheitsschutz verloren haben und Anleger jetzt auf hohen Verlusten sitzen, liegt in der Logik dieser Produkte begründet. Bonuszertifikate zahlen Anlegern eine fixe Rendite, sofern der Basiswert, auf den sie sich beziehen, während der Laufzeit nie eine fixe Sicherheitsschwelle unterschreitet. Fällt der Kurs aber unter dieses Schutzniveau, verhält sich das Zertifikat wie die zugrunde liegende Aktie.

Andere Zertifikate-Typen wie Discount- oder Expresspapiere unterscheiden sich von Bonuspapieren zwar in ihrer Funktionsweise. Doch auch für sie gilt die eiserne Regel der Geldanlage, dass Produkte, die mit hohen Renditeversprechen zwangsläufig Abstriche beim Sicherheitspuffer machen müssen. In den vergangenen fünf Jahren, als Zertifikate erst salonfähig wurden, wollte diese Regel nur niemand hören. Zwar wurden Zertifikate unter dem Deckmantel der Sicherheit ge- und verkauft. In Wahrheit zählte meist aber einzig und allein die Renditechance.

Dabei ist Sicherheit gerade bei Zertifikaten ein entscheidendes Thema. Im Gegensatz zu Aktien oder Fonds, die Anleger im Fall von Verlusten in der Hoffnung auf eine baldige Wende länger liegen lassen können, haben die allermeisten Zertifikate nämlich eine begrenzte Laufzeit. Das beschränkt die Flexibilität der Anleger.

Dass die Risiken von Zertifikaten nun stärker wahrgenommen werden, ist für Emittenten wie für Anleger langfristig ein gutes Signal. Eine realistische Einschätzung des Marktes kann Missverständnisse vermeiden und die Akzeptanz für die Produkte erhöhen. Wenn Anleger die Produkte und ihre Mechanismen verstehen, wenn sie auf die Bonität des Emittenten ebenso achten wie auf einen reichhaltigen Sicherheitspuffer, werden sie die Papiere bald als das begreifen , was sie tatsächlich sind: keine Wunderwaffen, sondern eine Bereicherung des Anlagespektrums mit besonderen Stärken in speziellen Phasen wie Seitwärtsmärkten.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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