Bulle & Bär
Die Rubelfrage

Die Inszenierung war an Pomp kaum zu überbieten. Dmitrij Medwedjew schritt über den roten Teppich, vorbei an der Ehrengarde, um den Amtseid als russischer Präsident abzugeben. Die Zeremonie am Mittwoch im prunkvollen Andrejewski-Saal des Kreml erinnerte fast schon an zaristische Zeiten. Ob nun der neue Präsident Medwedjew die Entscheidungen trifft oder der ehemalige Staatschef Wladimir Putin im Hintergrund die Fäden zieht: Eine der wichtigsten Aufgaben Russlands wird darin bestehen, die rasende Inflation in den Griff zu bekommen. Deshalb muss die Regierung den Rubel stärken.

FRANKFURT. Die Inflationsrate in Russland liegt inzwischen über 13 Prozent - fünfmal so hoch wie der Durchschnitt der anderen großen Industriestaaten. Selbst zwei Leitzinserhöhungen in diesem Jahr haben den Anstieg nicht bremsen können. Jetzt hilft wohl nur noch eine deutliche Aufwertung der Währung. Der stellvertretende Zentralbankchef hat Ende April entsprechende Maßnahmen angekündigt. Experten von der Deutschen Bank sowie Goldman Sachs rechnen bereits damit, dass der russische Rubel in den kommenden sechs Monaten um zwei beziehungsweise vier Prozent im Verhältnis zum Dollar steigt. Auch Anleger, die jetzt auf einen starken Rubel setzen, könnten davon profitieren.

Dabei hat der Rubel schon in den vergangenen Jahren gegenüber dem Dollar stetig zugelegt. Vor fünf Jahren gab es für einen Dollar noch knapp 32 Rubel. Heute wird ein Dollar zu 23,76 Rubel gehandelt. Das spiegelt einerseits die Schwäche der amerikanischen Währung wider. Andererseits steckt dahinter auch politischer Wille der Russen. Der Wechselkurs des Rubels wird gegenüber einem Währungskorb durch die Zentralbank festgelegt. Die Zentralbank wiederum muss ihre Entscheidungen von der Regierung absegnen lassen.

Dass der Rubel in den vergangenen Jahren nicht noch stärker aufgewertet wurde, nutzte vor allem den exportierenden Unternehmen. So profitieren etwa die Ölunternehmen davon, dass sie einen großen Teil ihres Öls in Dollar verkaufen. Ein teurer Rubel würde die Gewinne der großen Konzerne und das russische Wirtschaftswachstum insgesamt schmälern. Nach Einschätzung von Merrill Lynch tragen die Öl- und Energiekonzerne immerhin mehr als die Hälfte zum russischen Haushalt bei. Die russische Führung steht vor einem Dilemma: Lässt sie einen stärkeren Rubel zu, leiden die Konzerne.

Mit Wachstumsraten von jährlich rund sieben Prozent - unter Putin war das die Regel - könnte es auch aufgrund der Währungsfrage künftig vorbei sein. Doch Medwedjew und Putin müssen handeln und die künstliche Unterbewertung des Rubels beenden. Sonst wächst der Unmut in der russischen Bevölkerung über die Geldentwertung. Am 1. Mai, dem "Tag des Frühlings und der Arbeit", gingen Tausende auf die Straßen Moskaus, um gegen steigende Lebenshaltungskosten und für höhere Löhne zu demonstrieren. Bald könnten es noch mehr werden.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
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