Bulle und Bär
Die ruhigen Börsenzeiten sind vorbei

„Was waren das früher für Zeiten“, werden viele altgediente Anleger im Moment denken. Da konnte man getrost über Ostern zwei Wochen in Urlaub fahren und hatte die Gewissheit, dass an der Börse kaum etwas passiert – war ja eh niemand da.

FRANKFURT. Und überhaupt war nach einer hektischen Aufschwungphase und einer anschließenden Korrektur irgendwann wieder Ruhe. Dann ging es für einige Zeit seitwärts voran; an einem Tag ein bisschen nach oben, am anderen ein bisschen runter. Diese Zeiten sind lange vorbei. Das letzte Börsenjahr, in dem zwischen Januar und Dezember nichts passierte, liegt im letzten Jahrtausend. 1995 gab es eine solche Phase. Heute sind selbst Quartale mit einer Seitwärtsbewegung eine Seltenheit.

Hauptgründe dafür sind zum einen die in den letzten zehn Jahren kräftig gestiegene Zahl hochmathematischer Finanzinstrumente, die auf steigende und fallende Kurse setzten. Zum anderen ist es die noch immer extrem hohe Liquidität, die die Märkte antreibt.

Für erstere sind stagnierende Märkte pures Gift. Denn darauf spekuliert nun wirklich kaum jemand. Stattdessen befassen sich in den Produktabteilungen der Banken immer mehr Mathematiker damit, Neues zu erfinden. Das wird dann mit bunter Verpackung unter das Anlegervolk gebracht. Ganze Busladungen von Mathematikern könnte er derzeit bei den Banken abladen, wenn er sie nur finden würde, berichtete kürzlich ein auf die Branche spezialisierter Headhunter.

Deren innovative Berechnungen fußen in den allermeisten Fällen auf Veränderungen verschiedenster Anlageformen über unterschiedlichste Zeitreihen. Treten die Märkte danach auf der Stelle, bedeutet das für die Produkte schlicht Verlust. Wegen der kaum zu überblickenden Masse an Produkten müssen sich deshalb die Märkte zwangsläufig bewegen.

Hinzu kommt die bereits angesprochene hohe Liquidität. Die treibt noch immer die Kurse an – und wird dies wohl noch einige Zeit weiter tun. Es dauert gewöhnlich fünf Jahre nach der ersten US-Zinserhöhung, ehe der Liquiditätsüberhang aufgelöst ist, behaupten Volkswirte wie Ulrich Kater von der Deka Bank. Derzeit sind noch nicht einmal drei Jahre vergangen, seitdem die US-Notenbank Fed die erste Zinserhöhung beschlossen hat. Insofern dürfte dieses Phänomen die Märkte noch einige Zeit bestimmen. Hinzu kommt, dass die Börsen weltweit mehr und mehr zusammenwachsen. Der Dax reagiert inzwischen nicht mehr nur auf Veränderungen in New York oder Tokio, sondern auch auf Moskau und Shanghai. Früher hatte er beide bestenfalls „auf dem Schirm“.

Längere Phasen mit Seitwärtsbewegungen – früher die Regel – sind mittlerweile zur Ausnahme geworden. In Zukunft werden sie es erst recht sein. Ruhig mal in die Ferien zu gehen, ist nicht mehr möglich.

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