Bulle und Bär
Die Tricks mit den Nebenwerten

Viele Investoren dürften inzwischen gar nicht mehr hinhören, wenn Börsenstrategen einmal mehr das Comeback großer Aktien und ein Ende der deutlich besseren Kursentwicklung kleinerer Werte ausrufen: Zu oft entpuppte sich der angeregte Wechsel der Pferde als verfrüht.

FRANKFURT. Viele Investoren dürften inzwischen gar nicht mehr hinhören, wenn Börsenstrategen einmal mehr das Comeback großer Aktien und ein Ende der deutlich besseren Kursentwicklung kleinerer Werte ausrufen: Zu oft entpuppte sich der angeregte Wechsel der Pferde als verfrüht. Mancher Optimist sieht in der starken Kursentwicklung der Nebenwerte der letzten Jahre gar ein Beleg für das, was empirisch sowieso unstrittig sei: Nebenwerte liefern eben langfristig höhere Renditen als Standardwerte. Doch im aktuellen Börsenumfeld lohnt es sich mehr denn je, ein Röntgenbild der seit 2001 gut gelaufenen Nebenwerteindizes zu betrachten.

Erstens ist die fulminant bessere Kursentwicklung von Nebenwerten - in der Fachsprache "Size Effect" - wie so häufig bei Kapitalmarktphänomenen schlicht eine Frage der Betrachtungszeiträume. Oder, banal formuliert: statistisches Grundrauschen. Zwar liefen etwa europäische Nebenwerte - gemessen am Stoxx Small Caps - seit Anfang 2000 um satte 80 Prozentpunkte besser als der entsprechende Index für große Aktien, der Stoxx Large Caps. Über 20 Jahre wiederum haben die großen Werte die Nase vorn - und das inklusive Dividenden um sagenhafte 600 Prozentpunkte.

Ähnlich lässt sich auch in den USA mit den Zeiträumen tricksen - je nachdem, welches Ergebnis gewünscht ist: Zwischen 1926 und 1976 liefen Nebenwerte über nicht weniger als 50 Jahre relativ schwach, seit 1975 wiederum mit einer Unterbrechung in den 90er-Jahren relativ stark. Zweitens verdanken die europäischen Nebenwerteindizes ihre seit Jahren starke Kursentwicklung vor allem dem hohen Gewicht zyklischer Aktien. Ganz gleich, ob Stoxx Small Cap oder HSBC Smaller European Companies Index - auf die konjunktursensiblen Industriewerte sowie zyklischen Konsumgüter zusammen entfällt in den wichtigsten europäischen Nebenwerteindizes ein Indexgewicht von mehr als 50 Prozent.

Versorger, Nahrungsmittelhersteller, Pharmawerte, Tabakwerte oder Telekomtitel, also Branchen, deren Gewinne nicht im Fähnchen der Konjunktur flattern, sind hingegen in Nebenwerteindizes nur in homöopathischen Dosen von zusammen zehn bis 15 Prozent vertreten. In der Summe sind die Nebenwerteindizes damit zumindest auf kurze Sicht eine heiße Wette auf eine weiterhin stabile Konjunktur. Das Potenzial für Enttäuschungen ist immens: Nebenwerte werden derzeit , historisch unüblich, mit einer Bewertungsprämie auf den Gesamtmarkt gehandelt.

Gerade der kurzfristige Zeithorizont hat für viele Privatanleger einen ganz praktischen Belang. Grund ist die Einführung der Abgeltungsteuer. Bis Ende 2008 sollte "ein Depot für die Ewigkeit" stehen, das auf Sicht vieler Jahre, wenn nicht Jahrzehnte ohne große Umschichtungen auskommt. Wer nach sieben starken Jahren für Nebenwerte noch nicht investiert ist, tut derzeit gut daran, abzuwarten, ob sich bis Ende 2008 nicht ein besserer Kaufzeitpunkt findet.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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