Bulle & Bär
Dividendenstrategien in Zeiten der Krise

Wenn es an den Börsen kräftig scheppert, schlägt die Stunde der strikt quantitativ orientierten Aktienanleger: Anstatt sich von Emotionen leiten zu lassen, investieren sie stumpf in Aktien, die anhand ihres Bewertungsmodells eine Unterbewertung signalisieren. Der Einwand gegen diese Krisenstrategie: "Dieses Mal ist alles anders".

DÜSSELDORF. Bei der Dividendenstrategie spielt es keine Rolle, ob eine Aktie gerade 80 Prozent verloren oder sich binnen kürzester Zeit verdoppelt hat: Was für sie zählt, sind Fakten und Zahlen, nicht Emotionen. Wer sich allerdings bei der Aktienauswahl auf harte Kriterien wie etwa die Dividendenrendite verlässt, muss sich seit einigen Monaten häufig die fünf teuersten Wörter der Finanzgeschichte anhören: "Dieses Mal ist es anders."

Zweifel an dieser Floskel sind einmal mehr angebracht. Zugegeben: Die Orientierung an Dividendenrenditen lieferte historisch gesehen vor allem in schwierigen Marktphasen eine höhere Rendite als der Gesamtmarkt. Seit Sommer 2007 jedoch hinken Dividendenstrategien den ohnehin schwachen europäischen Aktienmärkten nach Berechnungen der Credit Suisse um sieben Prozentpunkte hinterher.

Die Bilanz der Strategie verhageln dabei die Bank- und Versicherungsaktien: Deren Dividendenrenditen waren schon zu Beginn der Finanzkrise überdurchschnittlich hoch. In der Korrektur der vergangenen Monate fielen die Kurse der Finanzwerte indes noch stärker als die Dividendenprognosen: Der Branchenindex für europäische Versicherer weist derzeit eine Dividendenrendite von 4,4 Prozent, der für Banken von 5,8 Prozent auf. Der Dividendenindex Euro Stoxx Select Dividend 30 enthält seit der jährlichen Neuzusammensetzung in der vergangenen Woche nun nicht weniger als 58 Prozent Finanzwerte, das paneuropäische Pendant immerhin 49 Prozent. Ähnlich sieht es in vielen quantitativ verwalteten Investmentfonds aus.

Strikt dividendenorientierte Anleger mutieren so in den Augen von Kritikern zu Hasardeuren. Ihr Argument: Niemand kann glaubwürdig prognostizieren, wie es eingedenk der Finanzkrise um die Ertragslage der Banken und Versicherer in einem Jahr bestellt sein wird. Daher sei die Dividendenrendite auch ungeeignet als Kennziffer angesichts der Finanzkrise, zumal Dividenden für abgelaufene Geschäftsjahre gezahlt werden und keine Schlüsse auf die Zukunft zulassen.

Doch wie man es auch dreht und wendet: Jede Kritik an der Dividendenstrategie läuft stets auf die These hinaus: Dieses Mal ist es anders. Dabei dürfte gerade angesichts der Kreditkrise kaum eine Kennzahl aussagekräftiger sein als die Dividende: In Zeiten, in denen die Kapitalbeschaffung für Firmen deutlich teurer ist als in den letzten fünf Jahren und sich Banken untereinander massiv misstrauen, ist eine attraktive Dividendenausschüttung eine stark vertrauensbildende Maßnahme. Es ist daher keine schlechte Idee, sich derzeit eher auf eine emotionslose Dividendenstrategie zu konzentrieren als sich auf die Floskel "Dieses Mal ist es anders" zu verlassen.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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