Bulle & Bär
Dollar-Blues

Seit Anfang Juli rappelt sich der Euro gegenüber dem Dollar wieder auf. Von seinem Tief bei 1,19 Dollar stieg er langsam, aber sicher über 1,23 Dollar und übertraf vergangenen Donnerstag sogar kurz die Marke von 1,24 Dollar. Ist das schon wieder der Beginn einer neuen Aufwertungsrunde oder nur eine kurze Erholung auf dem Weg nach unten? Immerhin hat sich der Euro seit dem Hoch bei 1,35 Dollar Anfang März um knapp zehn Prozent abgeschwächt. Da nimmt sich der jüngste Anstieg bescheiden aus.

Die meisten ehemaligen Dollar-Bären, die sich zur Jahreswende mit immer höheren Kurszielen von 1,40, 1,50 und 1,60 für den Euro übertrafen, haben inzwischen das Handtuch geworfen. Diejenigen, die eine weitere leichte Abwertung erwarten, halten sich nun etwa die Wage mit denen, die eine moderate Aufwertung voraussagen. Damit ist die Grundbedingung für eine neue Aufwertungsrunde erfüllt – oder besser ausgedrückt, für eine neue Abwertungsrunde des Dollars. Denn ohne solche Gegenbewegungen würde eine lange anhaltende kräftige Abwertung wie die des Dollars unweigerlich in einen Crash übergehen. Das heißt natürlich nicht, dass ein Crash ausgeschlossen ist, sehr wahrscheinlich ist er aber nicht. Zu viele machtvolle und finanzkräftige Institutionen wie die Federal Reserve und die asiatischen Notenbanken haben ein Interesse daran, einen starken Kursrutsch zu verhindern.

Dafür, dass die Dollar-Stärke von März bis Juli nur eine temporäre Korrektur war und nicht der Beginn einer länger andauernden Gegenbewegung zur Abwertung der vergangenen Jahre war, spricht die Tatsache, dass die USA weiterhin rund 50 Prozent mehr importieren als exportieren. Ein Defizit im Außenhandel in der Größenordnung von 60 Mrd. Dollar pro Monat ist auf Dauer nicht tragbar. Das räumen selbst Dollar-Optimisten wie Morgan-Stanley-Stratege Stephen Jen ein. Sie glauben jedoch, dass die USA noch lange Zeit haben, um das Problem zu lösen.

Doch wie genau dieses im historischen Vergleich fast einzigartige Ungleichgewicht ohne große Schmerzen oder Turbulenzen und ohne eine weitere kräftig Abwertung aufgelöst werden soll, darüber schweigen sich die Dollar-Optimisten aus. Da es auf Dauer keine andere Lösung gibt, als eine weitere deutliche Abwertung der US-Währung – wann immer diese auch kommen mag – und weil auch viele Marktteilnehmer dies so sehen, hängt das Außenhandelsdefizit wie ein Damoklesschwert über dem Dollar.

Die Kursbewegungen der vergangenen zwei Monate erwecken den Eindruck, als warteten die Händler nur darauf, dass die Herde sich wieder in Richtung eines schwächeren Dollars in Bewegung setzt. Sie wollen den Zug der Herde nicht verpassen, haben aber noch Angst, selber zu weit vorzupreschen. Immer wenn es gute Wirtschaftsdaten aus den USA und Notenbankaussagen gab, die jeweils auf fortgesetzte Zinserhöhungen hindeuteten, gewann der Dollar kurzfristig etwas an Wert. Wenn es keine relevanten Nachrichten gab, verlor er Terrain. Selbst die unerwartet guten US-Arbeitsmarktdaten am Freitag konnten den Dollar nicht mehr nennenswert etwas anhaben. Nach einer Stunde war der Euro fast wieder da, wo er vor der Datenveröffentlichung und am Vortag gewesen war.

Das deutet darauf hin, dass die Händler nicht ernsthaft an die Möglichkeit einer nachhaltigen Dollar-Aufwertung glauben. Irgendwann werden gute Konjunkturnachrichten in den wieder höher gesteckten Erwartungen der Marktteilnehmer bereits vorweggenommen sein. Dann gibt es kaum noch etwas, das die Herde davon abhalten könnte, richtig in Bewegung zu kommen.

Gegen die Hypothese von der temporären Korrektur spricht die Tatsache, dass der Kursrückgang des Euros seit dem letzten Hoch so stark war wie in keiner der vorangegangenen Korrekturbewegungen. Doch waren die Aufwertungserwartungen für den Euro zuvor auch besonders stark ins Kraut geschossen.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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