Bulle und Bär
Doping für den Kurs der Deutschen Börse

Nein, die Eigenblutbehandlung eines Vorstandschefs beflügelt weder die Geschäftsentwicklung noch den Aktienkurs seines Unternehmens. Auch „Epo“, die viel diskutierte Modedroge der Radrennfahrer, hat am Parkett nichts zu suchen. Und an der Börse früher übliche „Doping-Praktiken“ wie gezielten Absprachen unter Händlern, um einen Kurs in die gewünschte Richtung zu lenken, bekämpft die die Finanzmarktaufsicht BaFin heute mit einem millionenschweren Ermittlerteam.

Die Mittel eines Konzernvorstandes, kurzfristig und direkt Einfluss auf den Wert seiner Aktie zu nehmen sind also arg begrenzt. Trotzdem stehen viele Unternehmensleiter unter massivem Druck ihrer Aktionäre, etwas für den Kurs zu tun. Ein Paradebeispiel ist wohl Reto Francioni, dessen Deutsche Börse eine aggressive Horde Hedge-Fonds zufrieden stellen muss. Bislang dopte Francioni den Kurs - völlig legal - mit einem milliardenschweren Aktienrückkaufprogramm. Niemand kann einem Unternehmen schließlich verbieten, eigene Aktien zu kaufen und zu vernichten. Dadurch verringert sich die Zahl der Anteilsscheine auf dem Parkett, der Kurs steigt. Und das Ergebnis ist beeindruckend: Seit Beginn der Rückkäufe hat sich derWert der Börsen-Aktie rund verdreifacht.

Den hohen Preis für das Doping per Rückkauf will Francioni vorerst aber nicht mehr zahlen. Er hat beschlossen, das Geld lieber in den strategisch sinnvollen Kauf der US-Derivatebörse ISE und damit in die Zukunft der Deutschen Börse zu stecken. Erst für das zweite Halbjahr 2008 hat er die Wiederaufnahme der Aktienrückkäufe versprochen.

Da ihm ein Hedge-Fonds daraufhin das Vertrauen entzog und der Aktienkurs seither stagniert, greift Francioni jetzt in die Trickkiste der Psychologie. Per Aktiensplit hat die Börse die Zahl der Aktien zum heutigen Tag wieder verdoppelt. Die Idee dahinter ist simpel, aber hat schon häufig funktioniert: Der Kurs der Aktie dürfte sich ungefähr halbieren und wird daher vor allem für Kleinanleger „attraktiver“, da sie für ihr Geld nun die doppelte Anzahl von Titeln bekommen. Ökonomisch betrachtet ist das zwar nur ein Placebo, denn der Wert des Gesamtunternehmens bleibt gleich. Tatsächlich führt ein solche Maßnahme in der Regel aber zu mehr Nachfrage nach einer Aktie und damit zu einem steigenden Kurs.

Der Split bei der Deutschen Börse als solcher ist allerdings noch kein Kaufargument. Dass der Konzern zu diesem Mittel greift, hingegen schon. Denn der Einsatz dieses Placebos zeigt, dass die Hedge-Fonds nach wie vor den Takt vorgeben. Francioni wird auch in Zukunft alles tun müssen, um den Kurs steigen zu lassen. So wird er die Aktienrückkäufe eher früher als später wieder aufnehmen und das Unternehmen noch stärker auf Gewinnmaximierung trimmen. Mit dem Einstieg auf dem US-Derivatemarkt hat er außerdem einen Fuß in einem Wachstumsmarkt. Insgesamt schafft das gute Voraussetzung für die Börsen-Aktie – Psychodoping hin oder her.

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