Bulle & Bär
Finanzkrise: Spiel mit den Nullen

Der Deutsche Aktienindex hat jetzt locker fünf bis zehn Prozent Tagesschwankung, meist nach unten. Das ist in normalen Zeiten und mit Plus-Vorzeichen ein durchschnittlicher Jahresertrag. Aber die Zeiten sind alles andere als normal. Den Normalbürger hat längst die Vorstellungskraft verlassen, zu extrem sind die Wertschwankungen.

FRANKFURT. Die Kraft der reinen Zahl kann kaum noch wirken. Seit dem offenen Ausbruch der Kreditkrise im Sommer vergangenen Jahres haben rund um den Globus allein die Aktien rund 13 Billionen Dollar an Wert verloren. Ausgeschrieben und umgerechnet sind es 9 500 000 000 000 Euro. Der deutsche Durchschnittsverdiener kommt auf 27 100 Euro pro Jahr. Um den globalen Verlust zu erwirtschaften, müsste er mehr als 350 Millionen Jahre arbeiten.

Ein kabarettistischer Schlenker sei erlaubt, denn die Finanzkrise rüttelt auch an Pfeilern des kapitalistischen Denkgebäudes: Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, wäre bei einem Salär von 14 Millionen Euro schon nach 680 000 Jahren fertig. Aber bald heißt es vielleicht: Ärmel hochkrempeln. Sollten die Ideen für eine Begrenzung der Managergehälter auf eine halbe Million umgesetzt werden, würde sich ein bisher hoch bezahlter Banker erst nach 19 Millionen Jahren in den Ruhestand verabschieden.

Ein Börsianer denkt über Verluste und Verdienste nach, auch über Verbindlichkeiten. Die US-Staatsschulden heften sich jetzt an die Fersen der weltweiten Aktienverluste. Im New Yorker Stadtteil Manhattan wurde vor knapp zehn Jahren eine Uhr installiert, die den aktuellen Schuldenstand anzeigt. Jetzt gibt es ein Problem: Der Anzeigetafel fehlt die 14. Ziffer. Genau die wird beim Überschreiten der Zehn-Billionen-Dollar-Marke gebraucht - das ist vor wenigen Tagen passiert. Mit den Rettungspaketen der Regierung ist der Schuldenstand sogar schon reif für die elf Billionen.

Die Amerikaner haben vorgesorgt: Sie werden im kommenden Jahr eine neue Uhr in Betrieb nehmen, in die auch gleich eine 15. Stelle eingebaut ist - man kann ja nie wissen. Eine Vorstellung vermittelt das kurze Filmchen auf der Internetplattform youtube.com unter dem Stichwort "debt clock".

So stehen Börsianer vor unvorstellbaren Verlusten und Verbindlichkeiten. Manche Experten raten zwar schon wieder zum Einstieg nach dem Motto: Jetzt ein Schnäppchen machen. In der Tat deuten viele klassische Bewertungs-Kennziffern auf billige Aktienkurse. Aber die Gegenwart ist keine klassische Zeit. Das Finanzsystem steckt mit seinen strukturellen Verwerfungen und überbordenden Schulden im ultimativen Stresstest. Die Realwirtschaft und der Bürger werden die Folgen erst langsam zu spüren bekommen.

Das Motto kann vorerst nur lauten: Nichts verlieren ist oberstes Gebot, die Jagd nach Extra-Rendite wäre ein Kamikaze-Unternehmen. Oder wie die Briten sagen: "Return of Capital" geht vor "Return on Capital". narat@handelsblatt.com

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