Bulle & Bär
FINANZKRISE UND ANONYMER WERTPAPIERHANDEL Sehnsucht nach dem Parkett

Ein Aspekt, der so gut wie nie genannt wird, wenn es um die Entstehung der Finanzkrise geht, ist die Technik. Dabei hat der Übergang von Mensch zu Maschine auch einen Wandel in der Kultur des Handelns mit sich gebracht – und das ist keine durchweg positive Entwicklung.

FRANKFURT. Wie es zur Finanzkrise kommen konnte, beschäftigt seit Monaten eine Heerschar von Experten. Die Fehler im System, in der Rechnungslegung, in den teils völlig unverständlichen Produkten sollen die Ursache sein. Hinzu kommen die geringe Kontrolle und das ungehemmte Profitdenken vieler Akteure.

Ein Aspekt, der so gut wie nie genannt wird, ist die Technik. Wer sich mit älteren Händlern unterhält – solchen, die den Parketthandel noch erlebt haben –, der erfährt viel darüber, wie sehr der Übergang von Mensch zu Maschine auch einen Wandel in der Kultur des Handelns gebracht hat.

Standen sich früher Händler und Makler Aug in Aug gegenüber und war der Handel noch ein Mix aus Feilschen, Schreien und Taktieren, so hat der Computerhandel die große Anonymisierung gebracht. In fußballfeldgroßen Handelssälen sitzen Hunderte von Händlern aufgereiht, alle vor gut einem halben Dutzend Bildschirmen. In direkten persönlichen Kontakt mit dem Kontrahenten eines Aktien-, Anleihen- oder Devisengeschäftes treten nur wenige.

Deswegen ist es gewöhnlich auch egal, wer an den Maschinen sitzt. 29-jährige Händler, die bereits siebenmal den Arbeitgeber gewechselt haben, sind keine Seltenheit. Sie sind ein Abbild dafür, dass viele Börsengeschäfte über austauschbare Bediener von Maschinen zustande gekommen sind, die letztlich mit zum großen Crash geführt haben. Ein anonymer Käufer hat mit einem anonymen Verkäufer ein Geschäft abgeschlossen. Das Taktieren von früher gibt es zwar noch, das emotionale Feilschen oder gar Schreien nicht mehr.

Der entscheidende Punkt bei diesem Wandel im Handel ist erreicht, wenn ein Geschäft für einen der Beteiligten ein herber Verlust ist. Dass ein Gegenüber mit Halbwahrheiten oder sonstigen Tricks einen Händler auf die falsche Spur gelockt hat, kam früher nicht allzu oft vor, weil man sich am nächsten Tag wieder gegenüberstand. Wenn doch, dann war dieses Gesicht „vorgemerkt“.

Heute läuft das Spiel anders. Wer das Spektrum von Halbwahrheiten bis zu Falschinformationen spielen will, der streut es anonym als Marktgerücht. Wer es letztlich verbreitet hat, lässt sich kaum noch nachvollziehen.

Nun wird sich die Zeit im Börsenhandel nicht zurückdrehen lassen, dazu haben Handelsvolumina und Globalisierung einen viel zu großen Einfluss. Zwei Fragen bleiben: Warum erleichtert der Computerhandel, ob bei Börsengeschäften, Tauschbörsen, Handwerksleistungen oder Gebrauchtwagen, unseriösen Adressen das Geschäft? Und warum suchen gerade betuchte Anleger den persönlichen Kontakt zu einem Börsenhändler auf dem Parkett? Die Antwort gilt für beide Fragen: Beim Massengeschäft zählt vor allem der Preis und mit Abstand der Inhalt, beim Speziellen hingegen zuerst der Inhalt und dann der Preis.

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