Bulle & Bär
Finanzmärkte: Risiko – ja bitte!

Nein, das ist keine Zeit, Risiken einzugehen. Das ist jedenfalls die weitläufig herrschende Meinung. Querdenker sehen das allerdings etwas anders. Wer den Begriff Risiko als kalkulierte Prognose eines möglichen Verlustes definiert, wird Risiken dann meiden, wenn die Zukunft im Nebel liegt.

FRANKFURT. Kein Zweifel: Von einer solchen Situation der Weltwirtschaft ist derzeit auszugehen.

Ökonomen definieren den Begriff Risiko als Wahrscheinlichkeit des Eintretens negativer Ereignisse multipliziert mit dem finanziellen Ausmaß – bezogen auf den jeweiligen eigenen Einsatz von Kapital. Wenn – wie zuletzt – Vermögen in kurzer Zeit schlichtweg halbiert wird, sackt die Risikoneigung verständlicherweise gegen null. Das Kapital sucht Sicherheit – das Antonym des Risikos also. Diese Geborgenheit und Ruhe sehen Anleger unter anderem in Staatsanleihen. Diese gelten allgemein als sicher, doch sind sie das wirklich?

Zauderer müssen jedoch wissen: Null-Risiko bedeutet auch Null-Wachstum. Wo weiß man das besser, als in den krisenerprobten USA; denn hier liegt die Keimzelle der Welt-Finanzkrise. Die aktuelle Verteufelung des Begriffs Risiko in der Weltöffentlichkeit erinnert an eine kürzlich geführte intensive Diskussion mit Washingtoner Kongressabgeordneten. Die Frage nach dem größten Risiko für die US-Volkswirtschaft beantworten beide Politiker unisono offensiv, wie es wohl nur Amerikaner tun können: „Das größte Risiko besteht darin, dass wir keine Risiken mehr eingehen.“

Typisch amerikanisch! Die durch fehlende Risikokontrolle und mangelnde Sicherheitsnetze entstandene größte Finanzkrise seit der großen Depression vor rund 75 Jahren fordert in diesen Tagen immer mehr Opfer, da sind die USA auf patriotischen Pfaden mit offensiven Denkansätzen bereits wieder auf der Suche nach Chancen. Dass das Land zur weltweit größten Volkswirtschaft aufgestiegen ist, schreiben Historiker und Politiker der Courage und den Visionen der ersten Einwanderer auf der einen und der „Nichts-ist-unmöglich-Mentalität“ der Folge-Generationen auf der anderen Seite zu.

Warum, so fragen sich politische Entscheidungsträger in den Schaltzentralen in Washington und risikobereite Unternehmer gleichermaßen, sollte es nicht gelingen, mit Schumpeterschen Unternehmergeist und Innovationskraft diese Krise zu bewältigen? Sicher, man habe große Fehler gemacht, sei vom Erfolg geblendet gewesen und habe Risiken zu lange ignoriert und unzureichend gesteuert. Das jedoch sei noch lange kein Grund, das auf Risiko–Übernahme beruhende System völlig infrage zu stellen. Wenn die Risikobereitschaft der Feigheit weiche, setze man all das Erreichte aufs Spiel.

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