Bulle & Bär
Fundamentaler Irrtum

Das Beispiel Conergy ist exemplarisch für einen immer wiederkehrenden Zirkel von Ereignissen. So scheinen viele Investoren, Profis wie Laien, nicht aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Dabei gibt es für Überbewertungen eindeutige Zeichen.

DÜSSELDORF. Wer den Aufstieg und Fall des einstigen TecDax-Schwergewichts Conergy im Zeitraffer betrachtet, der kann sich nur verwundert die Augen reiben. Es scheint, als wiederhole sich Geschichte an der Börse eben doch, im konkreten Fall der Aufstieg und Fall der Hoffnungswerte am Neuen Markt wie anno 2000: Getrieben von einer Welle der Euphorie klettert der Börsenwert eines Wachstumstitels in einem spannenden Markt um ein Vielfaches, und parallel dazu die Bewertungen auf Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGVs) jenseits von 50.

Ab einem gewissen Punkt nährt sich die Euphorie selbst: Branchenfonds und-zertifikate müssen einen massiven Mittelzufluss investieren und ziehen dabei große, liquide gehandelte Werte vor. Die astronomische Bewertung spielt keine Rolle, denn die Wachstumsperspektiven stimmen vermeintlich.

Wie einst am Neuen Markt ließ sich eher an Taten denn an Worten ablesen, wie viel Vertrauen der Vorstand und andere Unternehmensinsider tatsächlich in die Conergy-Aktie hatten: Zwischen 2005 und Frühjahr 2007 liquidierten sie Papiere im Gesamtwert von rund 140 Mill. Euro, bevor die Aktie im Herbst 2007 in den Sturzflug überging. Auf dem Weg in den Börsenkeller wiederum verbrannten sich all jene die Finger, die sich auf veraltete Gewinnschätzungen verlassen hatten und die Aktie für ein fundamentales Schnäppchen hielten.

Der Fall der spekulativen Conergy-Aktie erlaubt es Investoren, Schlüsse für die eigene Anlagestrategien im Gesamtmarkt zu ziehen: Erstens lohnt es sich, bei einer scharfen Korrektur des Aktienkurses ein gesundes Misstrauen gegenüber der Aktie an den Tag zu legen. Im Zweifel weiß der Aktienmarkt - auch das zeigt der Crash auf Raten zwischen 2000 und 2002 - besser Bescheid über künftige Umsätze und Gewinne als Fondsmanager, Analysten oder Journalisten.

Zweitens ist und bleibt das plötzliche Aufkommen von Themenfonds und-zertifikaten ein Warnsignal für überschießende Euphorie in Teilmärkten. Skepsis gegenüber in immer schnellerer Folge ausgerufenen Megatrends verhindert Schlimmeres, sollte die Weltkonjunktur kippen. Drittens lässt sich über die Interpretation von Insidertransaktionen in Bezug auf den Gesamtmarkt trefflich streiten. Massive Verkäufe in zweistelliger Millionenhöhe von Unternehmensinsidern sprechen aber eine klare Sprache und sollten ebenso klar interpretiert werden: Der Vorstand hält den Kurs zum Verkaufszeitpunkt schlicht für zu hoch. Viertens sollten Anleger gerade im aktuellen Umfeld von hoher Unsicherheit über die weiteren Konjunkturperspektiven große Vorsicht mit der KGV-Kennziffer walten lassen. Das KGV lenkte auch in den Jahren 2000 und 2002 die Aufmerksamkeit vieler Anleger auf vermeintliche fundamentale Schnäppchen. Eine Versicherung gegen herbe Verluste waren optisch attraktive KGVs allerdings nie - zumindest in diesem Punkt unterscheidet sich eine Conergy-Aktie nicht von einer Allianz oder Deutschen Telekom.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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