Bulle & Bär
GEA Group in Sippenhaft

Auf die Reflexe von Aktionären ist Verlass: 16 Prozent hobelte der Markt binnen fünf Wochen vom Kurs des Maschinen- und Anlagenbauers Gea Group ab. Das ist rund ein Drittel mehr, als Indizes wie der MDax und Dax seit dem Zwischenhoch Mitte Mai abgegeben haben – und erscheint auf den ersten Blick logisch: Industrieaktien gelten als zyklische Aktien schlechthin.

Sie stehen ganz oben auf der Verkaufsliste, wenn sich in einem ohnehin schon nervösen Marktumfeld die schlechten Nachrichten in Form steigender Rohstoffpreise und trüben Konjunkturausblicken häufen.

Doch die Sippenhaft für Industrieaktien eröffnet auch Chancen für Schnäppchenjäger. Ein Blick auf die Umsatzverteilung des Gea-Konzerns zeigt, dass die Bochumer in zahlreichen Märkten aktiv sind, denen Ökonomen viele Jahre strukturelles Wachstum zubilligen: Einerseits generiert der Konzern schon heute ein Drittel seines Konzernumsatzes in wachstumsstarken Schwellenländern wie Brasilien, Russland und asiatischen Ländern. Erst vor drei Wochen bestätigte das MDax-Mitglied seine Jahresprognosen für 2008 mit zehn Prozent Umsatz- und sieben bis acht Prozent Gewinnwachstum.

Andererseits sind die zentralen Absatzbranchen des Konzerns – die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie, Pharma und Energiewirtschaft – kaum zyklisch. Nach Berechnungen der Analysten von Credit Suisse entfallen 85 Prozent des Gea-Umsatzes auf Segmente, deren Spartenumsätze in den letzten 25 Jahren nie geschrumpft sind. Schlechte Nachrichten wie steigende Öl- und Energiepreise spielen Gea sogar in die Hand, da sich das Unternehmen davon höhere Investitionen der Energiebranche in Prozesstechnik und Prozesskühlung verspricht. Dazu zählt zum Beispiel die Ölsandindustrie. Auch die Perspektiven der Sparte der Lebensmittelversorgung sind im Zuge der aktuellen Debatte rund um steigende Lebensmittelpreise und dem weltweiten Bevölkerungswachstum derzeit intakt: Ein Drittel der weltweit gemolkenen Milch und die Hälfte des weltweit gebrauten Bieres fließt schon heute durch Maschinen und Anlagen der Gea. Ein derart defensives Profil gibt es freilich auch bei einer Korrektur nicht mit einem Rabatt, sondern nur mit einem Topzuschlag. Aktuell ist Gea bei einem Kurs von 22,50 Euro mit dem zweieinhalbfachen Buchwert und dem 13fachen der für 2008 erwarteten Gewinne bewertet.

Wer für das nächste Jahr mit einer globalen Rezession rechnet, macht besser einen Bogen um die Gea-Aktie. Für weniger pessimistische Anleger eröffnet die aktuelle Nervosität indes Chancen, wenn im Rahmen des oft technisch bedingten Abverkaufs der Aktien kaum zwischen Papieren einer Branche unterschieden wird. Für die Gea-Aktie spricht auch, dass die US-Fondsgesellschaft Fidelity im April mit gleich drei Investmentvehikeln die meldepflichtige Schwelle von je drei Prozent aller Gea-Aktien überschritten hat.

kirchner@handelsblatt.com

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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