Bulle und Bär
Gefahr einer echten Krise

Nur die Älteren kennen das noch: Schlangen vor den Banken, Angst, das Ersparte zu verlieren. Das ist seit dem Wochenende kein Bild aus längst vergangenen Zeiten mehr, sondern bittere Realität - zumindest in England. Die Hypothekenbank Northern Rock steckt wegen der Subprime-Krise in großen Schwierigkeiten.

FRANKFURT. Immer neue Hiobsbotschaften verunsichern die Finanzwelt: Pleiten von Hedge-Fonds und amerikanischen Hypothekenfinanzierern, das Desaster bei der IKB und einzelnen Landesbanken. Die Liste ist lang - und dürfte in den nächsten Monaten noch länger werden. Die Hypothekenkrise in den USA hat längst auf die anderen Finanzmärkte durchgeschlagen - ohne Ausnahme. Unter den Profis begreifen am besten die Investmentbanker den Ernst der Lage.

Die aktuelle Krise wird in einiger Zeit möglicherweise als die größte der vergangenen Jahrzehnte in die Börsen-Annalen eingehen. In diesem Fall wären die Folgen programmiert: Von 100 Anlegern werden fast alle zumindest einen Teil ihres Vermögens verlieren; nur sehr wenige werden am Ende als große Gewinner dastehen.

Die gestrige zinspolitische Entscheidung der US-Notenbank spielt für die nähere Zukunft kaum eine Rolle. Fast unabhängig davon scheint das Szenario vorgezeichnet: Getroffen von der Immobilienkrise, werden die amerikanischen Verbraucher nicht mehr so hemmungslos konsumieren, wie sie das in den vergangenen Jahren taten; die Konjunktur schmiert ab, und die Notenbank muss noch mehr Geld in die Wirtschaft pumpen. Das wären denkbar schlechte Voraussetzungen für die Entwicklung an der Wall Street und für den Dollar.

Einer breiten Öffentlichkeit fehlt bisher das Gespür für die Dimension der Probleme. Vielen Profis geht es ähnlich. Sie verstehen die Welt um sie herum nur im Kontext bekannter und mathematisch leicht beherrschbarer Schemata, das heißt in Wahrscheinlichkeitsverteilungen gemäßigter Aktien- oder Anleiherenditen in kürzeren Zeitperioden. Aber diese statistischen Modelle berücksichtigen keine seltenen Krisen und deren dramatische Konsequenzen. Die Folge: Fast alle Börsianer reagieren auf ein Extremereignis zu spät und verlieren viel Geld, möglicherweise große Teile ihrer gesamten Ersparnisse.

Derzeit schiebt sich in Amerika ein Finanzprofessor auf die Bestsellerlisten, weil er mit seinem neuen Buch genau diese Unfähigkeit der Börsenprofis anprangert. Nicholas Taleb spricht vom Problem des schwarzen Schwans. Wer nur weiße Schwäne kennt, wird nicht an die Existenz eines schwarzen Tieres glauben. Die seltene Begegnung ist dann ein Schock.

Die aktuelle Krise hat eine realistische Chance, als schwarzer Schwan in die Börsengeschichte einzugehen. Vorsichtige Anleger sollten daher risikoreiche Investments meiden. Im echten Krisenfall sind Bargeld, erstklassige kurzfristige Zinsanlagen und ausgewählte Rohstoffe das Gebot der Stunde.

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