Bulle & Bär
Gefühlte 95 Prozent Querdenker

Selbsternannte Querdenker malen angesichts der derzeitigen Börsenturbulenzen den Teufel an die Wand: Sie sehen Chaos und Rezession auf die Weltwirtschaft zukommen. Der Anteil an "Querdenkern" ist unter Analysten dabei bald größer als der "Mainstream". Das Börsenjahr 2008 könnte die sogenannten Querdenker entlarven.

FRANKFURT. Black and white" heißt das lustige Spielchen, mit dem ein Radiosender im Südwesten seit Jahren seine Hörer amüsiert. Die sehen sich einem Bombardement an Fragen des Moderators gegenüber und dürfen darauf nicht mit "ja", "nein", "schwarz" und "weiß" antworten. Kaum ein Hörer bewältigt diese an sich nicht allzu schwere Aufgabe. Denn die Fragen sind natürlich genau so angelegt, dass sie die verbotenen Antwortmöglichkeiten provozieren.

Ähnlich erginge es derzeit wohl vielen Experten, würden sie zur aktuellen Börsenlage befragt und dürften dabei eine Minute lang nicht die Worte "Rezession", "Verschwörung", "Weltuntergang" und "Gewinneinbruch" in den Mund nehmen. Das Spiel wäre ebenso verloren.

Das Kuriose an der aktuellen Situation ist, dass sich der Großteil aus der Gruppe mit dem Depri-Ansatz selbst als "Querdenker" bezeichnet oder von den Medien so genannt wird. Am Markt macht deshalb schon das Paradoxon die Runde, dass dort derzeit "gefühlte 95 Prozent Querdenker" unterwegs sind.

Weil dem so ist, sollen an dieser Stelle wieder einmal die übrigen gefühlten fünf Prozent zu Wort kommen, die noch immer dem Mainstream nachhängen. Die sagen natürlich nicht vorher, dass sofort wieder alles gut wird nach diesem sehr turbulenten Dreivierteljahr. Stattdessen wird es so weitergehen mit all den zuletzt schon bekannten Kursausschlägen. Drei Monate sagen die einen, sechs Monate die anderen. Das Gute daran ist, dass, egal wie es kommt, weit mehr als die Hälfte des Übels überstanden ist - und es nach wie vor viele deutsche Top-Unternehmen wie BASF oder MAN, Adidas oder VW gibt, die ob ihrer prall gefüllten Auftragsbücher nicht recht wissen, was sie vom ständigen Krisengerede der Finanzbranche halten sollen. Kein Wunder also, dass der Mainstream noch immer davon ausgeht, dass sich in der zweiten Jahreshälfte vieles zum Besseren wandelt.

Ein noch untrüglicheres Zeichen ist, dass all die Querdenker natürlich keine Querdenker mehr sind, wenn ihnen zu viele Anleger hinterherlaufen. Das ist derzeit der Fall. Nie war die Risikoneigung unter Fondsmanagern so niedrig wie im Moment, ergab die jüngste Umfrage von Merrill Lynch. Sogar bei Ausbruch des Irak-Krieges vor fünf Jahren war noch ein Quäntchen mehr Hoffnung da.

Sind deswegen dann nicht vielleicht die Mainstream-Leute von heute schon die eigentlichen Querdenker? Also diejenigen etwa, die den Dax am Jahresende noch immer bei 8 400 Punkten sehen? Das wäre aktuell ein Plus von 27 Prozent. Argumente dafür gibt es mindestens genauso viele wie für die Ansichten derjenigen, die mit besonders verqueren und auf Effekthascherei ausgelegten Thesen nur darauf abzielen, Anleger zu verunsichern.

Das Börsenjahr 2008 kann deswegen auch als die Epoche in die Geschichte eingehen, in der die sogenannten Querdenker zuhauf entlarvt wurden. War noch vor zwei Jahren der "Börsen-Guru" das Börsenunwort des Jahres, so hat diesmal wohl der "Querdenker" gute Chancen.

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