Bulle & Bär: Gentlemen bitten zur Kasse

Bulle & Bär
Gentlemen bitten zur Kasse

In zwei Jahren will Vater Staat die Anleger mit einer Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge beglücken. Dabei soll ein Viertel der Kursgewinne abgeräumt werden. Bisher sind Kursgewinne steuerfrei, sofern die Papiere mindestens ein Jahr im Depot liegen. Die künftige Belastung der Gewinne spricht jeder ökonomischen Vernunft Hohn und könnte den Deutschen den Appetit auf das verderben, was ihnen am besten schmecken sollte: Aktien und Aktienfonds.

FRANKFURT. Es gibt offenbar kein schlüssiges Gesamtkonzept für die Besteuerung der Anleger. Politiker reden gern von der Stärkung der privaten Altersvorsorge. Dabei muss das Aktiensparen aus Renditegründen eine maßgebliche Rolle spielen – und die Deutschen haben großen Nachholbedarf. Das hat der Staat erkannt. Deshalb gibt es die Riester-Rente und die Rürup-Rente. Aber beides sind nur Feigenblätter, gemessen an den Versorgungslücken. Jeder Einzelne muss noch viel mehr tun, will er nicht in Altersarmut abgleiten. Mit der geplanten neuen Steuer durchkreuzt der Staat nun genau die Ziele, die er ansonsten unter der Überschrift „private Altersvorsorge“ predigt.

Der deutsche Fondsverband unter seinem neuen Präsidenten Wolfgang Mansfeld schlägt daher Alarm. Ein einfaches Rechenbeispiel macht das Problem deutlich: Wer über drei Jahrzehnte monatlich 100 Euro in deutschen Aktienfonds ansparte, der bekam am Ende im Schnitt 190 000 Euro heraus. Mit der geplanten Abgeltungsteuer wären davon rund 40 000 Euro futsch – einfach so. Klar doch – der Fondsverband will seine Produkte verkaufen und hat schon deswegen etwas gegen die Steuer. Trotzdem hat er Recht, wenn er auf die Konsequenzen der Steuer hinweist. Mit einem Federstrich werden viele tausend Euro einfach verschwinden. Alle bisherigen Planungen für den Lebensabend sind damit über den Haufen geworfen.

Zyniker könnten einwerfen, der Staat starte eine massive Day-Trader-Aktion. Die verlorenen Tausender müssen die Anleger schließlich mit kurzfristigem Handeln und Spekulieren wieder hereinholen. Das kann kaum gewollt sein – es funktioniert ja meist auch gar nicht.

Die Sicherung der Altersvorsorge muss oberste Priorität haben. Das Überleben der Gesellschaft hängt davon ab – das ist keine Übertreibung. Mansfeld fordert daher als Ausweg einen Wegfall der Steuer, wenn ein Fondssparvertrag mindestens zwölf Jahre läuft und das Vermögen frühestens zum 60. Lebensjahr ausgezahlt wird.

Grundsätzlich könnte der Staat seine Finger auch völlig aus den langfristigen Ansparvorgängen heraushalten. Warum sollte der eigenverantwortliche Bürger nicht ein Vorsorgedepot unterhalten, in das er einen maximalen Betrag pro Jahr einzahlen kann – angelegt in Produkten seiner Wahl? Auch Produktwechsel sollten bei diesem selbst gemanagten Depot möglich sein. Die Utopie: Verzicht auf Bevormundung. Das würde sicher auch die Börse begrüßen.

narat@handelsblatt.de

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