Bulle & Bär
Gut ist an der Börse nicht mehr gut genug

Ein Trend ist an der Börse momentan erstaunlich zuverlässig: Präsentiert ein Unternehmen seine Quartalszahlen, verliert die Aktie. Keineswegs sind immer die Ergebnisse schuld. Denn die fallen in aller Regel glänzend aus. Vielmehr liegt die Ursache in den nervösen Anlegern: Sie fürchten eine überhitzte Börse und damit eine Talfahrt. Deshalb nutzen sie die Firmennachrichten zu Verkäufen. Ein Blick auf die Rahmenbedingungen und Fundamentaldaten hilft weiter.

Trotz hoher Gewinne fiel die üblicherweise schwankungsarme Aktie der Deutschen Post um sieben Prozent. Anleger und Analysten störte der Ausblick. Tags darauf zählte Allianz zu den Tagesverlierern. Nicht einmal der über den Erwartungen liegende Rekordgewinn half. Anleger mäkelten, dass die Erträge aus der Lebens- und Krankenversicherung geringfügig unter den Prognosen geblieben seien.

Ob Post, Allianz oder zuvor RWE, Henkel, FMC, Deutsche Bank, Daimler-Chrysler und Bayer: Bei allen negativen Kursreaktionen drängt sich der Eindruck auf, dass Anleger nach dem Haar in der Suppe suchen und deshalb ihre Papiere abstoßen.

Das ist niemandem zu verdenken. Schließlich stiegen die Aktien zuvor in kurzer Zeit sehr kräftig. Allianz legten seit Frühsommer 2005 fast 50 Prozent zu. Da ist jede Korrektur hilfreich, um neuen Aktionären, denen bei der Rally noch nicht schwindlig wird, den Einstieg zu erleichtern.

Doch die Verkäufe geben ein zweites Signal: Aktionäre gehen davon aus, dass die besten Zeiten vorbei sind. Solche Überlegungen treffen ins Schwarze, weil alle Prognosen darauf hindeuten, dass die Gewinne künftig weniger rasant zulegen. Aus einem Plus von 75 Prozent im Jahr 2004 und 20 Prozent im Jahr darauf werden nun zwölf Prozent. Rekordgewinne hin oder her – der Trend weist nach unten. Nicht weil die Kraft der Unternehmen nachlässt, sondern weil diese ihre Hausaufgaben gemacht haben.

Erfolgreiche Umstrukturierungen und Kostensenkungen führen nun mal dazu, dass die Potenziale geringer werden. Getreu dem Motto: Wer gut ist, kann sich weniger verbessern als der Schlechte, der noch alle Möglichkeiten hat. Das ist der Grund, warum europäische Firmen ihre Gewinne in den letzten Jahren stärker steigerten als amerikanische.

Richtig fürchten müssen sich Anleger indes nicht. Denn die Börse gewährt einen Puffer. Richtig ist zwar, dass die Firmengewinne künftig weniger stark zulegen. Das rechtfertigt nur noch geringere Kurssteigerungen. Allerdings hielten die Kurse in der Vergangenheit mit den Gewinnen nicht Schritt. Das stellt Börsianer vor eine günstige Ausgangssituation: In einer Zeit sinkenden Gewinnwachstums sind Aktien preiswerter als es dem historischen Mittel entspricht. Solch eine Konstellation sollte schwere Einbrüche à la 2000 bis 2003 verhindern. Als damals die Gewinne zu sinken begannen, waren Aktien dramatisch überbewertet.

sommer@handelsblatt.com

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