Bulle und Bär
Hängepartie bei SAP

Der 19. Juli wird es richten - hoffentlich. An diesem Tag legt der Softwareriese SAP seine Zahlen für das zweite Quartal vor. Werden diese gut, sollte das Vertrauen der Kapitalmärkte in Deutschlands größte IT-Erfolgsgeschichte wieder halbwegs hergestellt sein.

HB FRANKFURT. Jahrelang galt SAP bei Investoren und Analysten als sichere Bank, als Unternehmen, das seine Zusagen einhält. Doch zuletzt hat dieser Ruf gelitten. Mehrfach überraschte das Unternehmen aus dem nordbadischen Walldorf mit negativen Nachrichten. So reichte der Erzrivale Oracle eine Klage wegen Spionage ein. Gleichzeitig will SAP in den nächsten zwei Jahren auf einen Teil der Marge verzichten und das Geld in ein völlig neues Mittelstandsprodukt investieren.

Das alles verunsichert die Anleger und hat dazu geführt, dass die SAP-Aktie dem rasanten Anstieg des Dax seit Jahresbeginn nicht im geringsten folgen konnte. Mit knapp 38 Euro dümpelt das Papier immer noch deutlich unter den Werten vom Januar, als es gut 42 Euro kostete.

Die Zurückhaltung der Anleger ist verständlich, stehen bei SAP doch noch einige Antworten auf wichtige Fragen aus. Das gilt vor allem für die neue Mittelstandslösung A1S. Mit dem neuen Programm zielen die Walldorfer nicht nur auf die für sie völlig neue Klientel der Kleinunternehmen. Zugleich startet der Konzern auch ein komplett neues Vertriebsmodell. A1S soll per Telefon und Internet verkauft werden, die Kunden sich die Software sogar testweise aus dem Netz laden können.

Für SAP bedeutet das einen radikalen Kulturwandel, lebte das Unternehmen bislang doch von komplexen Softwareprojekten in Großunternehmen. Wen wundert es also, dass die Investoren jetzt erst einmal abwarten wollen, wie SAP mit seinem neuen Produkt ankommt, das Mitte 2008 starten soll. Noch dazu ist nicht so ganz klar, ob und in wie weit A1S das Kerngeschäft des Konzerns kannibalisieren wird.

Gelingt allerdings die Eroberung des neuen Terrains, stehen bei SAP wieder alle Ampeln auf grün. Auf rund 15 Milliarden Euro taxiert SAP-Chef Henning Kagermann das Potenzial im unteren Mittelstandssegment. Ab 2010 will er hier jedes Jahr 10 000 neue Kunden gewinnen, bei einer mit dem bisherigen Geschäft gleichwertigen, wenn nicht sogar höheren Marge.

Klingt gut - nur weiß keiner, ob das alles auch so klappen wird. Vorerst heißt es deshalb: weiter abwarten, Ruhe bewahren und sich nicht zu sehr von der zuweilen hektischen Unsicherheit an der Börse über die weitere Entwicklung von SAP anstecken lassen.

Im ersten Quartal schaffte der Konzern die Erwartungen nur so gerade eben. Damals war die Erleichterung groß, hatten viele doch mit schlechteren Zahlen gerechnet. Sollten die nächsten Quartalsdaten gut werden, dürfte der Glauben an ein nachhaltiges Wachstum zunehmen. Der 19. Juli ist ein Lackmustest für SAP, bei weitem aber nicht der letzte.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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