Bulle & Bär
Hauptversammlungen: Lange Rede, schwacher Kurs

Es soll Hauptversammlungen geben, die durchaus Unterhaltungswert haben. Die Regel ist das allerdings nicht: Die meisten Dax-Chefs quälen ihre Zuhörer mit viel zu langen Vorträgen. Beide Parteien wären sicherlich erleichtert, wenn das Ganze schneller über die Bühne ginge. Andererseits hätte das für die Aktionäre einen entscheidenden Nachteil.

FRANKFURT. Von empörten Zwischenrufen über üble Beleidigungen bis hin zu wüsten Kloppereien – auf einer Hauptversammlung wird viel geboten. Es soll sogar professionelle Störer geben, die Lautsprecher auf der Toilette zertrümmern, um sich anschließend zu beklagen, dass die Übertragung der Veranstaltung nicht an jedem Ort und zu jeder Zeit gewährleistet ist. Eine wirkungsvolle Methode, um Beschlüsse anzufechten. Ganz so perfide geht es – zum Glück – nicht auf jeder Versammlung zu. In der Regel ist die Gefahr größer, von ermüdenden Vorträgen eingeschläfert zu werden.

Wie die Beratergesellschaft Kirchhoff Consult herausgefunden hat, redete jeder Dax-Chef auf seiner Hauptversammlung in diesem Jahr mindestens eine Stunde lang. Gemessen an der Zahl der Buchstaben waren die Vorträge dabei im Durchschnitt etwa 34 300 Zeichen lang, was rund 17 DIN-A4-Seiten entspricht.

Ziemlich durchschnittlich präsentierte sich zum Beispiel VW-Chef Martin Winterkorn mit genau 34 590 Zeichen. Doch das war noch auf der Hauptversammlung im April, bevor die VW-Aktie zu ihrer turbulenten Achterbahnfahrt ansetzte. Heute müsste Winterkorn wohl etwas weiter ausholen. Am wenigsten zu sagen hatte BASF-Chef Jürgen Hambrecht. Er beschränkte sich auf 14 263 Zeichen. Nur ein paar Worte mehr verlor Ben Lipps von Fresenius Medical Care mit 14 369 Zeichen.

Die Kirchhoff-Berater finden auch das noch zu lang. Sie sagen, ein Vortrag dürfe höchstens eine halbe Stunde dauern. Dabei sollen neun Minuten auf Begrüßung, Highlights und das abgelaufene Geschäftsjahr verwendet werden. Für Aktie und strategische Fragen soll der Unternehmenslenker rund 15 Minuten einplanen. Zum Schluss wären dann noch sechs Minuten für das aktuelle Quartal, den Ausblick und eine nette Verabschiedung.

Redner und Zuhörer wären sicherlich erleichtert, wenn das Ganze so schnell über die Bühne ginge. Der Vorstand würde nicht ins Schwitzen geraten. Der Aktionär käme früher ans Buffet.

Andererseits, wenn sich nun alle an die strenge Vorgabe halten würden, hätte das einen entscheidenden Nachteil. Die Länge der Rede kann nämlich Aufschluss über den Zustand des Unternehmens geben. Am längsten von allen Dax-Bossen sprach in diesem Jahr Georg Funke von Hypo Real Estate. Seine Rede bei der Hauptversammlung am 27. Mai umfasste stolze 55 524 Zeichen. Das Ende vom Lied ist bekannt. Die Aktie ist eingebrochen. Mehrfach musste die Bank durch Finanzspritzen vor dem Aus gerettet werden. Funke ist seinen Job los.

Wer also auf der nächsten Hauptversammlung den Chef endlos reden hört, sollte hellwach sein – und sich überlegen, ob er diese Aktie nicht lieber schnell verkauft.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
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