Bulle und Bär
Heilsbringer Liquidität

Börse – das ist Psychologie und Liquidität. Auf diesen einfachen, möglicherweise zu einfachen, Nenner reduzieren Finanzmarkt-Gurus die Börse. Wenn aktuelle Börsenkurse vor allem von der Anleger-Stimmung und der vorhandenen Liquidität bestimmt werden, stehen die Zeichen nicht schlecht. Mancher Betrachter spricht bereits wieder von der besten aller Welten.

Positive Meldungen aus der Wirtschaft – Rekorderträge der Unternehmen und steigendes Fusionsfieber – sind ein wesentlicher Teil des Erfolgs der Aktienbörsen. Hedge-Fonds und Private-Equity-Unternehmen suchen mit riesigen Anlagebeträgen lukrative Deals und versorgen den Markt zusätzlich mit Liquidität. Die exzellente Ertragslage der Unternehmen ist nicht nur gut für die Stimmung, sondern wegen hoher Dividenden oder Sonderausschüttungen auch für die Anleger-Liquidität. Gleiches gilt für die zahlreichen Mega-Fusionen, von denen die Konten beteiligter Investoren überdurchschnittlich aufgebläht werden. So weit so gut.

Doch die schmerzlichen Erfahrungen der Vergangenheit haben gelehrt, dass „heile Welten“ Momentaufnahmen sind. Börse reflektiert die Zukunft. Aktuelle Aktienkurse bilden weniger den Status quo der Wirtschaft ab, sondern mit einem Vorlauf von sechs bis neun Monaten die ökonomische Welt von morgen. Bezogen auf die aktuelle Situation bedeutet das: Börsianer dürfen zunächst noch positive ökonomische Daten erwarten, für sechs bis neun Monate zumindest. Doch was kommt danach?

Festzustellen ist, dass die Zahl noch nicht wirkender Störfaktoren selten größer war als heute. Die Börse erscheint Außenstehenden oft unlogisch. Aktuell ist sie zum Beispiel bereit, Entlassungen von Arbeitnehmern kurzfristig mit höheren Aktienkursen der Arbeitsplätze vernichtenden Unternehmen zu belohnen. Dass schwierige Arbeitsmarkt-Situationen jedoch Risiken für die soziale Stabilität von Volkwirtschaften bergen, wird von der Börse (noch) ignoriert, zumindest solange der soziale Frieden nicht ernsthaft gefährdet ist.

Manche Situationen erinnern heute an den Aufstieg und Fall des Neuen Marktes. Menschen, von denen man zuletzt während des Internet-Booms hörte, erkundigen sich heute nach dem Weg zum schnellen Reichtum. Das Anleger-Verhalten wird stärker von Gier als von Vernunft geleitet, wie verschiedene Börsen-Veranstaltungen zeigen. Besucher interessieren sich nicht für Referate mit globalökonomischem Bezug, sondern für derivative Werkzeuge, die sie reich machen sollen.

Noch werden die hohen – geradezu perfekten – Stimmungs- und Liquiditätswellen genossen. Doch schon bald wird die See rauer. Das „kluge Großkapital“ wird als erstes dunkle Wolken und drohendes Unheil am Horizont erkennen. Zuvor aber wird die zur Jahreswende traditionell hohe Liquidität die Hausse noch nähren.

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