Bulle & Bär
In Argentinien ist Kleingeld noch was wert

In Argentinien machen Straßenhändler gute Geschäfte, die 110 Pesos in Scheinen in 100 Pesos in Münzen wechseln. Doch welcher Argentinier lässt sich auf ein solch irrsinniges Geschäft ein? - Jeder, der Bus fahren muss.
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KölnSeien wir doch mal ehrlich: Für die meisten von uns ist Kleingeld dazu da, um es loszuwerden oder das Portemonnaie zu beschweren. Wir sind froh, wenn wir die 28,39 Euro im Supermarkt passend haben oder das exakte Hartgeld für die Busfahrkarte. In Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires läuft es umgekehrt: Alle horten Kleingeld, Verbraucher ebenso wie die Einzelhändler.

Wer beispielsweise eine Supermarkt-Rechnung von 15,70 Pesos mit einem 20er begleichen möchte, erhält in der Regel einen Fünf-Peso-Schein anstatt 4,30 Pesos in Hartgeld zurück. „Lieber etwas mehr in Scheinen rausgeben, als das Münzfach anzurühren“, scheint die Devise der Einzelhändler zu sein. Kleingeld ist nämlich mehr als rar in der Hauptstadt Argentiniens.

Der Grund: In der von Staus geplagten Riesenmetropole fahren alle mit den Colectivos, den insgesamt 300 Buslinien. Deren Automaten nehmen jedoch nur Münzen an, keine Scheine. Und so kommt es, dass die Portenos, wie die Bewohner der Stadt genannt werden, ihr Kleingeld für die nächsten Bus- oder Bahnfahrten lagern - weil sie sonst nicht zur Arbeit, in die Uni oder ganz generell von A nach B kommen.

Die Kleingeldknappheit steigert den tatsächlichen Wert der Münzen, sie werden damit zur attraktiven Geldanlage. Im Supermarkt-Beispiel ergibt sich etwa eine nominale Rendite von 16 Prozent, ganz ohne Risiko! Wirtschaftsinstitute halten sich mit Statistiken derzeit noch zurück, wie stark der Hartgeldmangel den Binnenkonsum in Buenos Aires ankurbelt.

Laut argentinischer Zentralbank müsste jeder Argentinier 125 Münzen haben. Doch Schwankungen im Portemonnaie sind möglich. Längst haben daher Geldhändler das Renditepotenzial der Münzen erkannt und verkaufen sie auf der Straße gegen einen saftigen Aufpreis. Am Busbahnhof Retiro stehen jeden Morgen Dutzende in einer Warteschlange, um bei Straßenhändlern Scheine in Münzen zu wechseln: Für 110 Pesos in Scheinen gibt es im Durchschnitt 100 Pesos in Münzen.

Das Geschäft läuft deshalb so gut, weil selbst die Geschäftsbanken häufig kein Hartgeld mehr ausgeben, obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet sind. Dass Zentralbank oder Regierung im gesamten Land eine offenere Kleingeldpolitik etablieren möchten, ist bislang noch nicht bestätigt. Solange können die Portenos nur darauf hoffen, dass auf den Haltestellenautomaten das Schild mit der Aufschrift „!No hay cambio!" steht. Denn dann dürfen mangels Wechselgeld alle umsonst mit Bus und Bahn fahren.

Ozan Demircan ist Auslandskorrespondent und hat deutsche und türkische Wurzeln.
Ozan Demircan
Handelsblatt / Redakteur

Kommentare zu " Bulle & Bär: In Argentinien ist Kleingeld noch was wert"

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  • Da haben Sie aber verdammt schlecht recherchiert. Seit kurzem gibt es hier eine Magnetkarte "SUBE", die millionenfach ausgegeben wurde. Damit wurde dieses Problem gelöst. In den Supermärkten der großen Einzelhandelsketten spendet man bei einer Rechnung von z.B. 29,55 Pesos 0,45 an eine Stiftung (z.B "Techo para el pais" - "Ein Dach über dem Kopf", uvm.). Oder man bezahl mit der Girokarte/Kreditkarte. Und denken Sie daran, 0,70 Pesos (Beispiel 4,30 Pesos) sind 12 Euro-Cent!!!

  • "Seien wir doch mal ehrlich: Für die meisten von uns ist Kleingeld dazu da, um es loszuwerden oder das Portemonnaie zu beschweren. Wir sind froh, wenn wir die 28,39 Euro im Supermarkt passend haben oder das exakte Hartgeld für die Busfahrkarte."

    Das ist eine pure Behauptung. Wer regelmäßig selbst einkaufen geht, kann dort wahrnehmen, dass es um ihn herum viele Menschen gibt, die den Pfennig ehren müssen.

    Es gibt viele Rentner, die an der Kasse jeden Groschen einzeln herauskramen.

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