Bulle & Bär
In der Liquiditätsfalle

Es brauchte schon ein massives Problem vom Schlage einer Subprime-Krise, um Anlegern die Bedeutung von Liquidität deutlich zu machen. Denn egal ob Immobilie, Asset Backed Security oder Aktie: Eine Anlage ist nur so viel wert, wie jemand anders dafür bereit ist zu bezahlen.

In manchen Nischen des Aktienmarkts ist diese Nachricht noch nicht angekommen. Für die Beurteilung von Nebenwerten und Schwellenländern - und damit den Börsenüberfliegern schlechthin - scheint die mangelnde Liquidität einer Aktie inzwischen eher ein Gütesiegel und nicht länger ein Manko zu sein. Der bis vor Jahren noch üblichen Bewertungsabschlag für illiquide und damit riskantere Werte ist inzwischen einem Aufschlag gewichen, für den "Bullen" im Jahr fünf der Hausse allerlei Gründe finden.

Blickt man jedoch auf eine ganz einfache Kennziffer als Liquiditätsmaß - die Marktkapitalisierung eines Index dividiert durch das Handelsvolumen - kann es einem derzeit Angst und Bange werden. So bringen die 30 Werte im indischen Auswahlindex Sensex inzwischen umgerechnet knapp 440 Milliarden Euro auf die Börsenwaage. Dem stand am Freitag ein Umsatz von umgerechnet rund 500 Mill. Euro gegenüber, was einer Ratio von Marktkapitalisierung zu Handelsvolumen von 880 ergibt. Die inzwischen als liquide geltende Börse Prag brachte es auf eine Ratio von 650, die zweitwichtigste Schwellenländerbörse Taiwan auf 2435, der chinesische Shanghai-Composite-Index auf eine beeindruckende Ratio von 3450. Zwar ist die Kennziffer für die Börse Moskau wegen konkurrierende Handelsplätze mit Vorsicht zu genießen. Doch einem Börsenumsatz von umgerechnet 55 Mill. Euro am Freitag steht eine Marktkapitalisierung russischer Blue Chips im RTS-Index von umgerechnet rund 700 Mrd. Euro gegenüber also dem 12 000-fachen des Tagesumsatzes.

Zum Vergleich: Am Freitag wies der Dax-Index eine Ratio von 119 auf; das heißt: Knapp ein Prozent aller Dax-Aktien wechselten insgesamt den Besitzer.

Schwierigkeiten dürften aber im Falle einer Krise ohne Vorwarnung auch deutsche Nebenwerte bekommen. Im deutschen Nebenwerteindex SDax betrug die Ratio Marktkapitalisierung zu Umsatz am Freitag 360; bei knapp der Hälfte der 107 im schwach regulierten Entry Standard der Deutschen Börse notierten Werte werden pro Tag Aktien für weniger als 10 000 Euro gehandelt. Dennoch billigt der Markt Nebenwerteindizes wie MDax, SDax und Entry Standard Index deutlich höhere Kurs-Gewinn-Verhältnisse als dem Dax zu.

Fraglos gehören auch Schwellenländer und Nebenwerte als Bausteine in jedes Portfolio. Wer auf Sicht von zehn Jahren und mehr anlegt, dem können kurzfristige Krisen ohnehin egal sein. Wer indes eher am aktiven Handeln interessiert ist, sollte sich allmählich ein Szenario zurecht legen, wie er mit einer unvorhergesehenen Krise umgehen würde.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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