Bulle und Bär
Indischer Bullenmarkt

Indische Aktien sind überbewertet", warnt ein anschwellender Chor von Analysten seit über einem Jahr. Wer auf sie hörte, hat die weltweit heißeste Börsenstory nach China verpasst. In den vergangenen Wochen wurden Skeptiker von den Märkten besonders vorgeführt.

DELHI. Seit einem kurzen Einbruch im Zuge globaler Subprime-Ängste jagen Indiens Börsen fast täglich neue Allzeithochs. Der Leitindex Sensex liegt ein Viertel über seinem Stand vor der US-Zinssenkung im September. Aufs Gesamtjahr gesehen konnten Anleger in Asien nur mit chinesischen Aktien noch spektakulärere Gewinne einfahren.

Die Börsen erklimmen sogar neue Höhen an Tagen, an denen auch der Ölpreis Rekordhochs markiert. Dabei importiert das Land einen Großteil seiner Energie. Der rasante Höhenflug der Rupie lässt zwar seine Exporteure schlottern - aber nicht deren Aktionäre. Selbst staatliche Bremsversuche stoppen die Rally nicht. Vor zwei Wochen versuchten die Behörden, mit dem Verbot von Offshore-Derivaten den massiven Zustrom von globalem Portfoliokapital einzudämmen. Die Börse brach kurz und brutal ein. Doch schon vorige Woche durchbrach der Sensex wieder eine magische Marke: 20 000 Punkte.

Bislang war dieser Bullenmarkt von einer boomenden Wirtschaft fundamental abgesichert. 2007 könnte diese zum dritten Mal in Folge um über neun Prozent wachsen, sicher nicht viel weniger. Doch die Angst vor Blasenbildung wächst, der Zentralbankchef erkannte gerade "frühe Zeichen einer Überhitzung". Dasselbe Signal sendet die Aktie von Reliance Petroleum. Sie gewann in acht Handelstagen 65 Prozent und notiert nun mehr als doppelt so hoch wie die Preisziele der meisten Banken. Gründer Mukesh Ambani schwimmt in so viel Geld, dass er seiner Frau gerade einen zum fliegenden Luxushotel ausgestatteten Airbus schenkte.

Trotz solcher Exzess-Indizien wird die Rally anhalten, solange Ausländer verzweifelt nach höherem Wachstum und besseren Renditen als in den angeschlagenen USA suchen. Massive Outperformance liefert Indien seit fünf Jahren: Die Firmengewinne des marktbreiten Nifty-Index legten in dieser Periode im Schnitt um 27 pro Jahr zu, die Aktienkurse um 40 Prozent. Doch je mehr Indiens Rally von Liquidität getrieben wird, umso leichter kann sie sich plötzlich in ihr Gegenteil wenden. An möglichen Auslösern herrscht kein Mangel: Sacken die USA in eine Rezession, werden auch indische Aktionäre bluten. Außerdem rücken Neuwahlen näher. Angesichts unklarer Mehrheiten wächst das Risiko von politischem Chaos.

Egal, was sie auslöst: Nach den schnellen, massiven Kursgewinnen der letzten Wochen wäre eine kräftige Korrektur überfällig und gesund. Für langfristig orientierte Anleger böte sie eine gute Einstiegsgelegenheit - wie bislang jeder Einbruch. Spektakuläre Gewinne wie dieses Jahr dürfen Nachzügler aber nicht mehr erwarten. Dennoch wird Indien langfristig einer der attraktivsten Aktienmärkte der Welt bleiben.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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