Bulle & Bär
Irreführende Kursmarken

Anleger neigen dazu, sich feste Bezugsgrößen zu suchen, indem sie gegenwärtige Kursmarken verinnerlichen und als Maßstab für die Zukunft verankern. Die Folgen sind fatal: Sie manipulieren unsere eigentlich oft guten Entscheidungen.

DÜSSELDORF. Kennen Sie Verankerungsheuristik? Es geht um den Anker und seine Rolle im täglichen Leben. Anleger beispielsweise neigen dazu, so die Theorie in der Psychologie und Wirtschaftswissenschaft, sich feste Bezugsgrößen zu suchen, indem sie gegenwärtige Kursmarken verinnerlichen und als Maßstab für die Zukunft verankern. Die Folgen sind fatal. Sie manipulieren unsere eigentlich oft guten Entscheidungen.

Ein Beispiel verdeutlicht das Dilemma: Als der Deutsche Aktienindex (Dax) vor fünf Jahren bis auf 2 200 Punkte fiel, sprachen Analysten nach einem raschen Anstieg auf 3 000 Punkte von Korrekturbedarf. Es konnte nicht sein, dass die Börse in wenigen Wochen fast 40 Prozent steigt. Kurz vorher galt die 3 000er-Marke aber noch als extrem niedriges Niveau. Schließlich kam der Dax von 8 000 Zählern.

Viele Anleger verabschiedeten sich deshalb aus dem Dax, als er rasch auf 3 000 und weiter 4 000 Zähler stieg. Alles in der Vorstellung, dass solch eine enorme Rally fundamental nicht untermauert sein könnte. Dabei galt vorher der Fall unter dieselben Marken als außergewöhnliche Extremsituation, die sich eigentlich nur mit negativen Übertreibungen erklären ließ und schon bald wieder korrigiert würde.

Wurde sie auch. Die Börse kehrte nach dem tiefen Sturz zur Normalität zurück. Nur, dass Investoren viel zu schnell die aktuellen Kurse als festen Anker wahrnahmen und daraus ihre Kursziele ableiteten.

Ähnlich ist die Situation auch jetzt. Anfang des Jahres, als der Dax über 8 000 Punkte notierte, billigten die meisten befragten Bankhäuser und Anleger dem Dax auf Jahressicht allenfalls ein Potenzial von fünf Prozent zu. Die Argumentation: Nachdem der Dax in viereinhalb Jahren bereits 250 Prozent zugelegt hatte und sich nun die Finanzkrise womöglich zur Rezession ausweitete, traute kaum jemand der Hausse weiter über den Weg.

Jetzt, wo der Dax 20 Prozent oder 1 600 Punkte niedriger notiert, halten die meisten Bankexperten zwar an ihrer Prognose eines "gedämpften Potenzials" fest. Schließlich erscheinen die Konjunkturaussichten nach wie vor wenig rosig. Doch Marktakteure orientieren sich wieder am gegenwärtigen Niveau und billigen dem Index deshalb allenfalls 7 000 Punkte zu. Ähnlich wird es sein, sollte der Dax in den kommenden Monaten auf 5 000 Punkte fallen oder auf 8 000 Punkte steigen. Auch dann werden die Jahresendprognosen stets nahe ihrem aktuellen Niveau liegen.

Die Lehre: Niemand sollte sich sicher fühlen, dem Ankermechanismus zu entkommen. Doch das Wissen um seine Existenz macht Mut, sich bei der Prognose und Anlageentscheidung etwas mehr vom aktuellen Börsenniveau zu lösen. Stattdessen sollte jeder ein Stück mehr den Fundamentaldaten der Unternehmen und in der Wirtschaft einschließlich der Aktienbewertung an der Börse vertrauen. Aus ihnen Kursziele abzuleiten, hilft mehr, als dem Anker Prognosen zu entlocken.

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