Bulle & Bär
Kein Freier in Sicht

Der Minensektor befindet sich seit Monaten im Umbruch. Wegen der hohen Rohstoffpreise schwimmen die Unternehmen im Geld - und kaufen kräftig zu oder fusionieren miteinander. Anglo American hat von Übernahmespekulationen zuletzt wie kein anderes Unternehmen profitiert. Doch das Interesse schwindet.

KAPSTADT Der Minensektor befindet sich seit Monaten im Umbruch. Wegen der hohen Rohstoffpreise schwimmen die Unternehmen im Geld - und kaufen kräftig zu oder fusionieren miteinander. Neulinge aus Brasilien oder Russland bedrohen die Vorherrschaft der etablierten westlichen Konzerne. Wie das Übernahmeangebot von BHP Billiton, der Nummer eins der Branche, für die Nummer drei, den australischen Rivalen Rio Tinto, deutlich zeigt, sind selbst die größten Förderer nicht mehr vor einer Übernahmeofferte gefeit. Anglo American hat von diesen Übernahmespekulationen zuletzt wie kein anderes Unternehmen profitiert. Obwohl es bei dem britisch-südafrikanischen Rohstoffriesen seit Jahresbeginn kaum größere Unternehmensnachrichten gab, hat sich sein Aktienpreis in vergangenen vier Wochen um fast 30 Prozent erhöht. Dabei gibt es kaum konkrete Hinweise dafür, dass einer der großen Konkurrenten wirklich an der Übernahme von Anglo-American interessiert wäre. Der brasilianische Konkurrent Vale, das einzige Unternehmen, das wegen der vermeintlichen Synergien seit Jahren als mögliche Anglo-Braut gilt, hat seinerseits gerade erst 76 Milliarden Dollar für den Schweizer Rivalen Xstrata geboten. Bei der Vorlage der Jahresbilanz in der vergangenen Woche bestätigte nun auch Anglo-American-Chefin Cynthia Carroll, dass ihr Unternehmen nicht an der Fusion mit einem Rivalen interessiert sei. Dass Anglo American im gegenwärtigen Wettlauf um Größe bislang übergangen wurde, liegt weniger an seinem leicht verstaubten Image als vielmehr dem vergleichsweise starken Fokus auf Südafrika. Mögliche Interessenten schreckt vor allem die enorme Tiefe der Minen am Kap, zumal vielen für ihre weitere Ausbeutung die technische Expertise fehlt. Daran hat auch wenig geändert, dass sich der Konzern seit seinem Umzug von Johannesburg nach London im Jahre 1999 durch Zu- und Verkäufe immer weiter von seinen südafrikanischen Wurzeln entfernt hat. Besorgnis haben zudem die jüngsten Stromausfälle ausgelöst, die Südafrikas Gold- und Platinminen Ende Januar tagelang lahmlegten. Vor allem in den Goldbergwerken kam es zu einem abrupten und totalen Produktionsstopp. Neben der anhaltend starken Abhängigkeit von Südafrika missfällt möglichen Interessenten aber auch Anglos starkes Engagement im Edelmetallsektor. So trägt Platin, das Anglo nur in Südafrika fördert, mit 2,7 Milliarden Dollar derzeit über 25 Prozent zum Betriebsgewinn der Gesamtgruppe bei. Daneben ist Anglo im Gegensatz zur direkten Konkurrenz vergleichsweise schwach im Kohle- und Eisenerzsektor aufgestellt - beides Sparten, die wegen der hohen chinesischen Nachfrage besonders lukrativ sind. Angesichts des schwächeren Produktionsmix und des zuletzt über Gebühr gestiegenen Kurses gilt die Aktie nun als teuer. Für Zukäufe sollte deshalb auf Schwächephasen gewartet werden.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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