Bulle & Bär
Keine Angst vor Minirenditen

Zinskurven sind normalerweise so spannend wie eingeschlafene Füße. Doch ein seltenes Ereignis, im Fachjargon „teilweise invertierte Zinskurve“ genannt, sorgte vergangene Woche für Spannung in diesem obskuren Winkel der Finanzwelt.

NEW YORK. Dass die Rendite langfristiger Anleihen niedriger liegt als diejenige kurzfristiger Bonds, kam in den USA seit 1976 nur viermal vor. Und jedesmal stürzte die US-Wirtschaft rund ein Jahr später in eine Rezession. Weil die US-Anleihen jetzt erneut auf eine „inverse Zinskurve“ zusteuern, sorgen sich manche Volkswirte, dass der nächste Abschwung droht.

Der Zusammenhang zwischen Zinskurve und Konjunktur verläuft über die Zinserwartungen. Normalerweise verlangen Investoren eine höhere Rendite für länger laufende Anleihen. Nur für eine Prämie sind sie bereit, ihr Geld längerfristig anzulegen und das Risiko steigender Inflation und steigender Zinsen zu tragen. Wenn die Investoren jedoch mit künftig fallenden Zinsen rechnen, sind sie auch ohne Renditezuschlag bereit zum Kauf langlaufender Anleihen. Denn dann ergibt es Sinn, die heute hohen Renditen langfristig zu sichern.

Die Zinsen sinken jedoch in der Regel nur, wenn die Wirtschaft schwächelt. Die nahezu inverse Zinskurve in den USA signalisiert deshalb, dass die amerikanische Konjunktur vor schwierigen Zeiten steht. Zwar wirkt die US-Wirtschaft auf den ersten Blick robust. Doch ein Risikofaktor könnte dafür sorgen dass die düstere Sicht der Anleiheinvestoren zutrifft. So droht ein Rückschlag auf dem boomenden Immobilienmarkt.

Viele Amerikaner sichern ihre Verschuldung bislang mit dem steigenden Wert ihrer Häuser ab. Der Immobilienboom erlaubte ihnen, mehr Geld auszugeben, als sie an Einkommen verdienen und die Lücke durch neue Hypothekenkredit zu stopfen. Schon eine Stagnation der Hauspreise würde damit Schluss machen, von einem Preissturz ganz zu schweigen.

Anders als in der Physik gelten an den Finanzmärkten jedoch keine Naturgesetze, sondern nur Wahrscheinlichkeiten. Wenn auf eine inverse Zinskurve viermal eine Rezession folgte, kann dies beim fünften Mal erneut passieren – muss aber nicht. Bill Gross, der Chef des weltgrößten Anleihefondshauses Pimco, interpretiert die niedrigen Renditen für langfristige US-Anleihen nicht zwangsläufig als Vorboten einer Rezession. Aber Gross sieht darin sehr wohl ein Signal, dass die US-Wirtschaft nach Jahren kräftigen Wachstums bald weniger dynamisch zulegt. Die US-Notenbank dürfte früher als erwartet von Zinserhöhungen auf Zinssenkungen wechseln, meint der Pimco-Experte.

Für Anleihe-Investoren bedeutet das vor allem eines: Sie sollten trotz der scheinbar mickrigen Renditen für langfristige, sichere Anleihen an diesen Papieren festhalten und ihr Geld nicht in Bonds mit kürzerer Laufzeit oder andere Anlagen mit höherem Risiko umschichten. Denn falls die US-Wirtschaft tatsächlich dreht, dürften zehn- und dreißigjährige Staatsanleihen zu den Gewinnern gehören.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%