Bulle & Bär: Kriegsgewinnler
Kurse und Konflikte

Der Krieg in Georgien ist beendet, alte Weisheiten haben Konjunktur. Etwa die, dass Kriegszeiten schlechte Börsenzeiten seien. Und tatsächlich: am Tag, als der Konflikt zwischen georgischen und russischen Truppen um Südossetien begann, fiel der Moskauer Leitindex RTS um 6,5 Prozent. Schlechte Zeiten also?

FRANKFURT. Wahrheit und Weisheit liegen nicht immer so nah beisammen. Deutsche Forscher in Konstanz und Essex, Gerald Schneider und Vera Tröger, sind der Frage genauer nachgegangen, wie Kurse und Konflikte zusammenhängen. Ihr Ergebnis: Es kommt sehr drauf an. Die Politologen gingen zwar zunächst auch von der These aus, Krieg sei grundsätzlich schlecht, weil er die wirtschaftliche Entwicklung empfindlich störe. Folglich müsse er die Börse negativ tangieren. Aber halten ließ sich sie sich nicht immer.

Ein Beispiel: Als Saddam Husseins Truppen im August 1990 in Kuwait einmarschierten, sackte der Dow Jones zunächst ebenfalls um mehr als sechs Prozent ab. Als mit der Operation Desert Storm aber die Gegenoffensive zur Befreiung Kuwaits begann, fiel der amerikanische Leitindex nicht - wie eigentlich zu erwarten war - weiter. Er legte stattdessen in den vier Wochen danach um ganze 17 Prozent zu.

Über den Zeitraum der 1990er-Jahre untersuchten die Forscher die Börsenreaktionen, gemessen am Dow Jones, dem britischen FTSE und dem französischen CAC, auf drei Brandherde: Irak, Jugoslawien und Naher Osten. Zwar reagierten die Börsen bei neuer Gewalt in der Regel negativ, nur eben nicht ausschließlich. Beobachten ließen sich immer wieder auch Kursrallys. Nicht die Bewertungen der Ereignisse, sondern die Zukunftserwartungen der Anleger waren entscheidend. Ein eigentlich negatives Ereignis wirkte positiv auf die Märkte, wenn es die Anleger als Zeichen für eine baldige Lösung oder Erholung des Konfliktes werten konnten - siehe Operation Desert Storm. Für die Anleger war die Offensive der Anfang vom Ende.

Eine zweite, noch unveröffentlichte, Studie des Autorenduos beleuchtet en detail die Kriegsgewinnler-Frage für den Dow Jones. Vom Golfkrieg und dem Nahost-Konflikt profitierten Ölfirmen; ebenso Unternehmen wie Lockheed-Martin - je stärker ihr Rüstungsbereich, desto mehr. Soweit, so erwartbar. Andere Resultate überraschen aber. So profitiert etwa die amerikanische Tourismusindustrie von Eskalationen im Nahen Osten, weil viele amerikanische Touristen Flüge nach Israel stornieren. Sie machen Urlaub zuhause.

Die Zweideutigkeit der Aktienreaktionen bei Konflikten mag für einige Anleger und Investoren unbefriedigend sein. Sie erinnert an den alten Witz, in dem nur Einhändige als ökonomische Berater eingestellt werden, weil sonst auf jede konkrete Frage stets die gleiche Antwort folgt: "On the one hand, on the other hand?". Die meisten aber dürfte es beruhigen, dass mit Krieg und Leid nicht so einfach schnelles Geld zu machen ist.

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