Bulle und Bär
Lehrstück Börse

FRANKFURT. Die Berufsgruppe der Analysten ist in der Finanzbranche die, die wahrscheinlich öffentlich am häufigsten kritisiert wird. „Die schreien doch immer kaufen, wenn schon alles vorbei ist“, lautet eine der geläufigsten Stammtischparolen. Klar, wer sich am Neuen Markt die Finger verbrannt hat, der hat damit gar nicht so unrecht. Denn damals hatten nur wenige Experten den Mumm, sich gegen den Trend zu stellen und zu warnen. Andererseits geht es auch nicht ohne Prognosen, Empfehlungen und neue Ideen, um sich Strategien zur Geldanlage zurechtzulegen. Da ist eben professionelle Marktbeobachtung unerlässlich. Trotzdem: Für den Anleger ist vor dem Hintergrund des „Blutbads“ am Neuen Markt ungemein schwer, sich von den Experten leiten zu lassen. Schließlich kennt er deren Motive, etwa zu einem bestimmten Zeitpunkt zu Ein- oder Ausstieg zu blasen, nur sehr oberflächlich.

Eine „Anlegergruppe“ sollte den Analysten aber auf jeden Fall vertrauen. Nämlich die Leute, die sie bezahlen: die Banken selbst. Das scheint aber eher selten der Fall zu sein. Seit längerem trommeln die meisten Analysten zum Einstieg bei der Deutschen Börse. Fast 60 Prozent der Analysten sagen „kaufen“ und selbst die 30 Prozent, die ein „halten“ befürworten, sehen noch immenses Kurspotenzial. Im Schnitt aller von Bloomberg befragten Experten liegt das Kursziel seit längerem stabil bei rund 120 Euro. Das im Vergleich zum aktuellen Kurs immerhin ein Aufschlag von zehn Prozent. Einzig die Commerzbank und die Deutsche Bank haben sich zuletzt ein Herz gefasst und sind mit mehr als einem Prozent bei der Deutschen Börse eingestiegen. Es dürfte sich schon jetzt gelohnt haben. Die Commerzbank stieg Mitte Juni ein, als der Kurs bei rund 95 Euro lag und verbucht damit ein Plus von gut 15 Prozent, bei der Deutschen Bank dürfte es ähnlich aussehen.

Allerdings mussten sich auch diese beiden Banken zum Jagen tragen lassen. So trommelte Hessens Ministerpräsident Roland Koch Anfang des Jahres dafür, dass die deutschen Banken sich wieder an der Börse beteiligen sollten, damit die Stimme des Finanzplatzes wieder an Gewicht im Poker um eine europäische Börsenfusion bekommt. Damit kein Missverständnis entsteht: Ministerpräsidenten sind sicher nicht die besseren Analysten. Aber warum nutzt man die Gelegenheit, eine Machtposition am Heimatmarkt aufzubauen nicht, wenn die eigenen Experten dafür zugleich Gewinne prognostizieren?

Für den Anleger heißt dies allerdings nicht, dass er jetzt blind den Banken folgen muss, wo der Kurs zuletzt deutlich gestiegen ist. Aber das Geschäft des Konzerns aus Frankfurt boomt, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das sich schnell ändert. Sicher, auch die Risiken sind beträchtlich. So ist nicht kalkulierbar, was passiert, wenn die Börse ihre Fusionspläne nicht umsetzen kann. Aber solche Risiken sind für den routinierten Anleger kein Problem. Wozu gibt es die gute alte Stop-Loss-Order?

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