Bulle & Bär
Liquidität: Verkehrte Welt?

Das Volumen der weltweit gehandelten Derivate war im Jahr 2006 fast zehnmal höher als das gesamte weltweite Bruttosozialprodukt. Dieses extreme Ungleichverhältnis zeigt zum einen, wie sich die Finanzwirtschaft von der realen Wirtschaft abgekoppelt hatte. Zum anderen verdeutlicht es die geballte Macht der Derivate, die damals bis zu Kleinsparern alle Investoren in ihren Bann gezogen haben.

Wer die Finanzwelt des Jahres 2008 verstehen will, führt sich am besten noch mal die Welt des Jahres 2006 vor Augen. Neben dem Fußball-"Sommermärchen" regierte damals vor allem Geld die Welt. In dieser wirtschaftlichen Hochphase ging es nicht nur den Unternehmen gut, es schwirrten auch Milliardensummen um den Globus, die nur darauf warteten, angelegt zu werden. Was wiederum die Märkte immens in die Höhe trieb.

Das ganze Ausmaß dessen, was damals die Kurse nach oben gezogen hat, zeigt eine Erhebung der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Das Volumen der weltweit gehandelten Derivate war im Jahr 2006 fast zehnmal höher als das gesamte weltweite Bruttosozialprodukt (BIP). Das lag damals immerhin jenseits der immensen Marke von über 48 Billionen Dollar.

Dieses extreme Ungleichverhältnis zeigt zum einen, wie sich die Finanzwirtschaft von der realen Wirtschaft abgekoppelt hatte. Zum anderen verdeutlicht es die geballte Macht der Derivate, die damals bis zu Kleinsparern alle Investoren in ihren Bann gezogen haben. Fußbälle mit der Aufschrift "Derivate vor! Noch ein Tor!", die auf Anlegermessen verteilt wurden, genießen heute Kultcharakter.

Das Ergebnis dieser Exzesse bekommen die Märkte jetzt zu spüren, allerdings in umgekehrter Richtung. Liquidität abziehen und in sicheren Anlagen horten, ist das Gebot der Stunde, seitdem klar ist, dass eine weltweite Rezession nicht mehr aufzuhalten ist. Jeder Investor überprüft inzwischen die Summen, die er auf spekulative Wetten gesetzt hat; jede Bank schaut sich genau an, was ihre spekulativen Kunden mit dem geliehenen Geld anstellen.

Mit dem zurückfließenden Kapital entweicht nun aus vielem, was in den vergangenen Jahren angesagt war, unweigerlich die Luft. Öl und viele andere Rohstoffe gehören ebenso dazu wie die bei großen Beteiligungsgesellschaften einst so beliebten deutschen Nebenwerte. Die Luft entweicht auch aus Anlagen in Emerging Markets, in Bric- (Brasilien, Russland, Indien und China) oder Next 11-Produkte (die nach Bric nächsten elf aufstrebenden Volkswirtschaften). Dass die Kurse dort extrem unter Druck geraten sind, hat seinen Ursprung darin, dass in diese Anlageklassen besonders viel Derivategeld geflossen ist, das nun abgezogen wird. Davon betroffen ist selbst Gold, stets Inbegriff der krisensicheren Geldanlage. Denn auch in Gold investierten viele Anleger über Derivate.

Bleibt die Frage, ob der Begriff "verkehrte Welt" auf die aktuelle Phase oder auf die vor zwei Jahren zutrifft. Im Moment sind es die extremen Marktschwankungen und der verschwindend geringe Einfluss von Fundamentaldaten, die Investoren an der Börse verzweifeln lassen. Richtig verkehrt war die Welt indes vor zwei Jahren. Jetzt ist lediglich eine schmerzliche Anpassung an die Normalität nötig. Die BIZ-Zahlen zum Verhältnis von Derivaten zum weltweiten BIP werden ein wichtiger Indikator bleiben.

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