Bulle & Bär
Marktschwankung: Täglicher Begründungswahn

Für das tägliche Auf und Ab an den Märkten stets eine Begründung finden zu müssen, ist nicht immer einfach. Zumal dann, wenn es eigentlich gar keine Gründe gibt. Da die deutlichen Kursausschläge in den letzten Wochen aber zugenommen haben und dafür von Analysten, Händlern und Menschen „auf dem Parkett“ stets die passenden Kommentare erwartet werden, ist dabei oftmals auch wenig Inhaltsreiches zu hören.

FRANKFURT. Das liegt nicht an der Unkenntnis der Experten, sondern entspringt purer Not. In Zeiten, in denen die Börse wieder zu einem medialen Ereignis wird, müssen für das Publikum Ursache und Wirkung jeder Kursveränderung stets mitgeliefert werden. So feiert beispielsweise die technische Reaktion – gerne auch „charttechnischer Grund“ genannt – derzeit fröhliche Urstände. Übersetzt heißt dies: Es ist an den Börsen zuletzt meist nach oben (unten) gegangen, deswegen geht es heute eben mal nach unten (oben).

Nicht minder beliebt ist das Thema Unsicherheit an den Märkten. Da praktisch immer irgendwo irgendetwas unsicher ist – ob der Kaukasus oder die Konjunktur, die Hedge-Fonds oder die Hurrikan-Saison – lässt sich damit problemlos ein Statement zu dem abgeben, was kurzfristig zwar gerade ein Thema, langfristig aber völlig uninteressant ist. Der große Vorteil der Unsicherheit ist zudem, dass sich das Thema nach beiden Seiten spielen lässt: Wenn die Kurse fallen, ist vorher die Unsicherheit natürlich gestiegen, umgekehrt hat sich die Sicherheitslage extrem verbessert, wenn es anschließend wieder bergauf geht. Dass unsere Welt an diesem Tag so sicher oder unsicher wie am Tag vorher war, spielt im täglichen Begründungswahnsinn keine Rolle.

Während Charttechnik und Unsicherheit schon als Klassiker gelten, gibt es mit dem Komplex „Stimmungslage und Psychologie“ einen Emporkömmling, der es in kürzester Zeit in der Beliebtheitsskala der Begründungen weit nach oben gebracht hat. Da mittlerweile eine gefühlte Industrie damit beschäftigt zu sein scheint, das tägliche Befinden von Privatanlegern und Institutionellen Investoren zu messen, bietet sich hier immer etwas an, was gut zur Begründung kleinerer und größerer Kursausschläge herhalten kann. Was diese Branche zudem so beliebt macht, ist der Umstand, dass die aktuelle Marktstimmung sowohl als Grund als auch als Kontraindikator herhalten kann. Wenn also alle denken, dass die Kurse fallen, ist dies schon wieder ein Grund dafür, dass sie steigen.

Nun wäre natürlich das Beste, was den Märkten passieren könnte, dass immer etwas passiert, das unzweifelhaft Kursbewegungen verursacht. So wie beim Rohstoff-Konzern BHP Billiton, der gestern einen massiven Gewinnzuwachs meldete und dessen Aktienkurs darauf zwangsläufig anzog. Ansonsten wünscht man sich als Zuschauer, dass mancher Experte auch mal die Ehrlichkeit hat, zu sagen, dass es für vieles an der Börse schlicht keine Begründung gibt.

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