Bulle & Bär
Münchener Rück: Der Stolz und der Schock

Manche Wahrheiten dringen erst durch, wenn sie ganz deutlich gesagt werden. So war es bei der Ankündigung der Münchener Rück vom Freitag, dass sie ihr Ertragsziel nicht halten kann. Manche Wahrheiten werden aber auch überbewertet, wenn der Markt sie endlich begriffen hat. Auch dafür bietet die Münchener Rück ein Beispiel: Die Kursreaktion ist übertrieben.

DÜSSELDORF. Die zweitgrößte Rückversicherung der Welt hat sich vor wenigen Monaten noch stolz als Fels in der Brandung präsentiert. Alle leiden unter der internationalen Finanzkrise, wir nicht – so in etwa klang ihre Botschaft. Der Konzern hatte seine Aktienquote heruntergefahren und sich bei den Zinspapieren auf sichere und langweilige Bereiche konzentriert. So kaufte er zum Beispiel ältere Anleihen von Landesbanken, die noch mit Staatsgarantie versehen sind. Immer spürbar war der Seitenblick auf den großen Konkurrenten Swiss Re, der mit „innovativen“ Geschäften in den USA einen erheblichen Teil seines Kapitals verbrannt hatte.

Die Münchener haben bei allem Stolz zwar auch darauf hingewiesen, dass sie natürlich nicht immun gegen einen Verfall der Aktienkurse seien. Aber diese leiseren Töne fanden nur wenig Gehör – und die Börse reagierte geschockt, als den Andeutungen die offizielle Ansage folgte. Bei ihrer Ankündigung am Freitag wollten die Münchener dann ganz vorsichtig sein – nach dem Motto: „Eine Gewinnwarnung ist schlimm, eine zweite dürfen wir daher nicht riskieren“. Deswegen visieren sie nun bis Ende des Jahres nur noch vage ein Ziel von „deutlich mehr als zwei Milliarden Euro“ an. Der Markt fasst das zum Teil als „gut zwei Milliarden“ auf, entdeckt gegenüber dem alten Gewinnziel eine Differenz von rund einer Milliarde und fragt sich, wie die Aktien allein, bei einer Quote von nur sieben Prozent des Depots, das verursachen können. So gab die vorsichtige Formulierung Anlass zu übertriebener neuer Skepsis.

Für die gesamte Versicherungsbranche besteht die Gefahr, dass bei den Investoren ungute Erinnerungen hochkommen. Vor einigen Jahren funktionierten manche Versicherungsaktien bei einer schwachen Börse fast wie Optionsscheine auf den Dax. Weil ihre Kapitaldecken dünn waren und die Konzerne viele Aktien im Depot hatten, ergab es eine fatale Hebelwirkung. Heute haben die Häuser aber mehr Geld gebunkert und weniger Aktien im Depot.

Das wirkliche Problem der Münchener Rück liegt woanders: Rückversicherung ist kein Wachstumsmarkt mehr. Und ihre Tochtergesellschaft Ergo, in Deutschland eine große Nummer im klassischen Erstversicherungsgeschäft ist (das nicht mit anderen Versicherern, sondern mit Endkunden stattfindet) steht mit ihrem Marktanteil unter Druck. Daher müssen die Münchener ihre Aktionäre mit Dividenden und Aktienrückkäufen bei Laune halten. Sie haben versprochen, dies trotz der Börsenschwäche durchzuhalten – und müssen alles tun, um damit glaubhaft zu bleiben.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%