Bulle & Bär
Nordische Übernahmeträume

Der kühle Norden ist derzeit bei Finanzinvestoren ganz heiß: Immer häufiger entdecken sie ihre Beute in Nordeuropa. Der dänische Telekom-Konzern TDC wurde von fünf amerikanischen und britischen Investmentgesellschaften geschluckt, isländische Private Equity-Firmen übernahmen die dänischen Airlines Maersk Air und Sterling.

STOCKHOLM. In Schweden bieten derzeit die Holding der Industriellenfamilie Wallenberg und die Private Equity-Firma EQT für den schwedischen Hersteller von medizinischen Geräten, Gambro. Es gibt viele weitere Beispiele für Übernahmen und Fusionen, und in Zukunft dürften es noch mehr werden.

Denn die Rahmenbedingungen für derartige Deals sind im hohen Norden Europas günstiger denn je. Die meisten nordeuropäischen Unternehmen sind kerngesund. In einem äußerst konsumfreudigen Umfeld haben sie sich nach der großen Börsenflaute Anfang 2000 sanieren und in den vergangenen Monaten Rekordergebnisse präsentieren können. Zudem sind die Zinsen auch im Vergleich zur Euro-Zone sehr niedrig.

Hinzu kommt, dass viele der großen Konzerne in Nordeuropa auch wegen ihrer Struktur mit unterschiedlichen Geschäftsfeldern ein nahezu ideales Übernahmeobjekt darstellen: Gerade die Finanzinvestoren schauen ja stets auf die Möglichkeiten, nach einer Akquisition den Konzern aufzuteilen und getrennt wieder zu veräußern. Der LKW-, Bus-, Baumaschinen- und Motorenhersteller Volvo ist ein solches Unternehmen, das ohne größere Not aufgeteilt und in Stücken gewinnbringend wieder veräußert werden kann.

In den ersten drei Monaten dieses Jahres sind bereits deutlich mehr Übernahmen und Fusionen durchgeführt worden als vor einem Jahr. Die Investoren scheinen Appetit bekommen zu haben, und die Gerüchteküchen in Kopenhagen, Oslo, Helsinki und Stockholm brodeln.

Eine für Finanzgesellschaften aber immer noch schwieriger zu knackende Nuss ist die im Norden übliche Aufteilung der Aktien in stimmrechts-starke A-Aktien und stimmrecht-schwache B-Aktien. In Schweden hat beispielsweise mehr als jedes zweite Unternehmen auf dem Hauptindex diese Aufteilung, die Wallenberg und Co. durch ihren A-Aktienbesitz die Macht in dem Unternehmen sichert, ohne dass sie auch die Kapitalmehrheit besitzen. Kann man die einflussreichen A-Aktienbesitzer nicht von den Vorzügen der Übernahme überzeugen, wird aus dem Deal nichts.

Dennoch dürften sich derzeit Finanzinvestoren mit günstigem Kapital und guten Argumenten für Übernahmen in der Forstindustrie, in der Energie- und Telekombranche rüsten. Und einen Vorteil hat es ja schließlich, wenn das Schicksal eines Unternehmens wie in Schweden in den Händen einer einzigen Familie liegt: Die Überzeugungsarbeit kann stark konzentriert werden.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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