Bulle & Bär: „Notleidende Banken“: Die Not der Wortschöpfer

Bulle & Bär
„Notleidende Banken“: Die Not der Wortschöpfer

Jetzt steht man also auf einer Stufe mit dem "sozialverträglichen Frühableben", der "Herdprämie" und dem "Gotteskrieger". Der Begriff "Notleidende Banken" wurde am Dienstag von einer sechsköpfigen Jury zum Unwort des Jahres 2008 gekürt.

FRANKFURT.Stellt doch der Begriff "das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise rundweg auf den Kopf", wie es zur Begründung heißt. Womit die Jury, allesamt Sprachwissenschaftler, natürlich recht hat. Man hätte auch sagen können, mit diesem Begriff ist es den Tätern der Krise gelungen, sich als deren Opfer darzustellen.

Auffällig ist hingegen, dass die vor mehr als anderthalb Jahren unter dem Begriff "Subprime" gestartete Krise inzwischen in mehreren Wellen zur Finanz- und dann zur Wirtschafts- und Konjunkturkrise wurde. Und damit eine Reihe völlig neuer Wortschöpfungen mit sich brachte, die noch vor Monaten nicht mal der "Duden" als oberste Instanz zu diesem Thema kannte.

Der in diesen Wochen in allen Medien wie selbstverständlich genannte "Rettungsschirm", der wie eine überdimensionale Plane über dem Frankfurter Bankenviertel alles Unheil fernhält oder - je nach Lesart - darunter begräbt, ist ein Paradebeispiel. Oder die mittlerweile allgegenwärtige "Bad Bank", bei der manch Unbedarfter noch immer an einen Kurort denkt. Zumal dort "toxische", also mit Gift belastete Wertpapiere, zur Therapie eingeliefert werden sollen.

Eines gemeinsam ist all diesen Wortkreationen: Sie zeigen ein Herunterspielen der Realität. Zumal sie gerne mit historisch bewährtem Krisenvokabular vermengt werden, um die Dramatik der jetzigen Krise zu steigern. Denkt man beim Begriff "Rettungspaket" doch unweigerlich an Rosinenbomber und Care-Pakete. Und bei der Kapitalspitze an die Medizin, die Heilung verspricht.

Den Begriff "Notleidende Banken" zum Unwort des Jahres 2008 zu küren, zeugt von Scharfsinn und Sensibilität. Denn egal, welche Folgen die Krise noch hat: Richtig Not leiden wird keine Bank und kein Banker. Diejenigen, die wirklich Not leiden, finden sich nur wenige Meter vom Frankfurter Bankenviertel entfernt im Bahnhofsviertel.

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