Bulle & Bär
Nur keine Panik

PEKING. Chinas Börsen sind nichts für schwache Nerven. Erst sprengen die Indizes über Monate alle Rekorde, jetzt folgte der erste deutliche Kursdämpfer – schon warnen Experten vor einer Aktienblase. Vorsicht ist geboten, vor allem für Neueinsteiger. Denn die Aktienkurse haben mittlerweile irrationale Höhen erreicht. Die Papiere des Versicherers China Life etwa schnellten an ihrem ersten Börsentag um 100 Prozent in die Höhe. Solch ein Zuwachs in wenigen Stunden hat wenig mit Bilanzkennzahlen zu tun, sondern mit der Risikofreude der chinesischen Anleger.

Schon 2001 hatte ein Berater des damaligen Premiers Zhu Rongji angemerkt, Chinas Börse sei nichts weiter als „ein großes Kasino“. Doch die Zeiten haben sich geändert, das Zocker-Argument erklärt nicht mehr allein das Börsengeschehen. Peking hat in den letzten Jahren mit Reformen seine Finanzmärkte viel professioneller gemacht. Die Qualität der gelisteten Firmen und der Investoren wurde verbessert, im korrupten Heer der Broker aufgeräumt. Noch reichen die Maßnahmen nicht aus, doch Chinas Wild-West-Börsen gibt es nicht mehr.

Der enorme Kursanstieg in Schanghai, wo der Index im vergangenen Jahr um 130 Prozent zulegte, hat einfache Gründe: Chinesen gelten als fleißige Sparer, die Millionen Yuan unter dem Kopfkissen horten. Es ist Ihnen verboten, ihr Vermögen im Ausland anzulegen. Und daheim haben sie keine Wahl. Chinesische Sparbücher bringen kaum Zinsen, Lebensversicherungen sind unbekannt und beim Kauf einer Immobilie – bislang in China sehr beliebt – werden Traumrenditen lange nicht mehr erreicht. Hier hat sich eine gefährliche Immobilien-Blase gebildet.

Als die Regierung Mitte 2005 wieder Listings auf dem Festland erlaubte, stürmten die Anleger die heimischen Börsen mit ihrem Erspartem. 2006 gab es in China 137 Neuemissionen mit einem Volumen von umgerechnet knapp 50 Mrd. Dollar. Solche Zahlen lassen den Adrenalinspiegel der Anleger steigen – und damit auch die Kurse.

Experten halten nun eine Korrektur um 20 Prozent nach unten für realistisch. Zumal eine Abkühlung politischer Wille zu sein scheint. Die Regierung hat bereits die Auflage neuer Investmentfonds gestoppt, erstmals diskutiert China eine Kapitalertragssteuer. Und es war kein Zufall, dass Äußerungen von Politikern vergangene Woche für den ersten Kurssturz seit Monaten sorgten. Die Regierung will eine Börsen-Korrektur lieber bald, denn im Herbst findet der 17. Parteitag Chinas statt, auf dem die politischen Weichen für die Zukunft gestellt werden. Ein Börsencrash zu diesem Zeitpunkt wäre schlecht für Pekings Propaganda.

Langfristig wird die Volksrepublik aber ihre Finanzreformen weiter umsetzen, Chinas Börsen werden sich damit internationalem Niveau weiter annähern. Das dauert sicher noch, aber ein Absturz zurück ins Bodenlose ist unwahrscheinlich – zumal noch viel zu viel Geld im Umlauf ist, für das es weiterhin keine Anlagealternativen gibt.

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