Bulle & Bär
Optische Fehleindrücke bei Zahlen

Angenommen ein Tennisschläger und ein Set Bälle kosten zusammen 110 Euro. Dabei kostet der Schläger 100 Euro mehr als die Bälle. Wie viel kosten die Bälle? Zehn Euro? Und der Schläger 100? Falsch! Dann wäre der Schläger ja nur 90 Euro teurer. Fünf Euro für die Bälle und 105 für den Schläger ist die richtige Antwort. Wer sich soeben geirrt hat, ist in bester Gesellschaft.

HB DÜSSELDORF. Professionelle Investoren, die täglich mit Geld und Zahlen zu tun haben, beantworten derlei Fragen nicht besser als Normalbürger. Sie unterliegen optischen Fehleindrücken bei Zahlen genauso wie jeder andere auch, das haben Tests immer wieder ergeben. Und das sollte vielleicht doch hellhörig machen.

Nehmen wir beispielsweise die Quartalszahlen der börsennotierten Unternehmen. Da blicken alle auf die Gewinne. Die sind aber häufig schön gerechnet. Fraglich gewordene Kunden-Kredite, die noch nicht abgeschrieben sind, zu hoch bewertete Vermögenspositionen, zu niedrig bewertet Pensionslasten – all das bleibt in den Ergebnissen unberücksichtigt. Eine weit bessere Messgröße wäre der Cash-Flow, das Geld, das tatsächlich in die Kassen geflossen ist. Finanzwissenschaftler wie der Amerikaner Richard Sloan haben herausgefunden, dass Firmen mit hohem Cash-Flow über viele Jahre gerechnet ihren Aktionären eine bis zu zehn Prozent höhere Rendite pro Jahr einbrachten als Firmen mit niedrigem Cash-Flow. Überdurchschnittliche Renditen kamen auch zustande, wenn ein Aktienportfolio Firmen mit auffallend wenig Sonderposten repräsentierte. Die Augenwischerei, die bei Quartalsgewinnen gerne betrieben wird, führt regelmäßig zu Übertreibungen im Kurs.

Täuschungen kommen auch zustande, wenn Analysten Vorgaben machen und Kursziele festsetzen. Daran orientieren sich Anleger, gleich ob die Ziele realistisch sind oder nicht. Sind die Messlatten hoch gesetzt, dann sind Anleger bereit, weit mehr für eine Aktie zu zahlen, als diese tatsächlich wert ist. Auch das hat System. Fragt man beispielsweise Testpersonen, wie viel sie für einen Mixer bezahlen würden und bietet ihnen als Preisvergleich die letzten beiden Ziffern ihrer Telefonnummern an, dann sind Menschen mit einer hohen Endziffer regelmäßig bereit, weit teurere Geräte zu kaufen als Befragte mit niedriger Endziffer.

Das ist noch längst nicht alles. Verluste wiegen psychologisch weit schwerer als Gewinne. Genau 2,25 mal schwerer, errechneten der Finanzwissenschaftler Richard Thaler. Deshalb trennen sich Anleger nur sehr ungerne von ihren Fehlinvestitionen. Eine Untersuchung von 10 000 Privatkonten ergab, dass Anleger Titel, die im Minus lagen, durchschnittlich 124 Tage behielten, Gewinner dagegen nur 102 Tage. Professionelle Händler an der Chicagoer Warenterminbörse verhielten sich nicht anders. Wen wundert es da: in vielen Depots lagern noch bis heute alte Telekom- und Chipaktien. Wie wär’s mit einer Aufräumaktion?

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