Bulle und Bär
Politik schmiert den Ölpreis

Was hat die US-Kreditkrise mit den Energiepreisen zu tun? Sehr viel, denn die Furcht vor einer Konjunkturschwäche drückt die Preise für Öl und Gas. Doch Experten wittern Übertreibungen nach unten.

FRANKFURT. Sie behielten erst einmal recht, denn am Freitag kostete Öl der Marke WTI schon wieder 71 Dollar je Barrel (159 Liter). Goldman Sachs rechnet in einem Jahr mit 73,50 Dollar, BNP Paribas hält 80 Dollar für denkbar.

Langfristig scheint die Lage ohnehin klar. So meint die Internationale Energieagentur: Öl könnte in zwei Jahren knapp werden, weil die neu gefundenen Ölreserven die steigende Nachfrage nicht mehr decken werden. Haussiers argumentieren außerdem mit der maroden Infrastruktur. Raffinieren und Pipelines gerade in Nordamerika sind alt und störanfällig. Darauf hat der Öl-Guru Matthew Simmons noch einmal hingewiesen. Ihm zufolge würde der Ölpreis ohne die Kreditkrise schon in neuen Rekordhöhen über 80 Dollar schweben.

Zu unrecht werden die wachsenden geopolitischen Spannungen als potenzieller Preistreiber vernachlässigt. Im Kampf um Öl sind China, die USA und Russland die mächtigsten Konkurrenten. Russland lässt die Muskeln spielen und meldet Ansprüche in der Arktis an, lässt publikumswirksam eine Flagge auf dem Meeresboden absetzen. Viele andere Ereignisse der vergangenen Wochen illustrieren ein verschärftes Energie-Monopoly. Präsident Putin präsentierte sich beim Angel-Ausflug mit Monacos Prinz Albert in Rambo-Manier, mit nacktem Oberkörper, Militärhut und Sonnenbrille. Er will Stärke demonstrieren. Das belegen auch die Wiederaufnahme der strategischen Bomberflüge und der verstärkte Druck auf Nachbarländer wie Georgien oder die Ukraine.

Nun rückt Zentralasien ins Blickfeld. China meldet vor Putins Haustür Ansprüche an. Das Land betreibt rund um den Globus die offensivste Rohstoffsicherungspolitik. Jetzt haben die Chinesen wichtige Deals mit den Kasachen und Turkmenen abgeschlossen. Neue Pipelines für Öl und Gas sollen das eigene Milliardenvolk mit Energie versorgen. Eine Konfrontation mit Russland ist unvermeidbar, bemerkt die Analysefirma Stratfor, denn bisher ist Gazprom der wichtigste Abnehmer von Gas aus Zentralasien. Doch China hat keine Alternative: In einem Vierteljahrhundert dürfte das Riesenreich mehr Öl verbrauchen als heute die ganze Welt konsumiert.

In der wichtigen Förderregion am Persischen Golf üben sich derweil zwei andere Mitspieler in Drohgebärden. Die USA lassen ihre Neigung erkennen, die iranischen Revolutionären Garden auf die Liste der terroristischen Gruppen zu setzen. Sie argumentieren mit Informationen über die Ausbildung schiitischer Milizen im Irak durch die Iraner. Das erzeugt zusätzliche Unsicherheit. Die Strategen von BNP Paribas mögen sich durch solche Entwicklungen bestärkt sehen: Für den Fall eines heftigen Schocks auf der Angebotsseite setzten sie die Zielmarke für Öl bei 100 Dollar.

narat@handelsblatt.com

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