Bulle & Bär
Prinzip Hoffnung

Verkehrte Welt in Südkorea. Regierung und Investmentbanken stufen ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr reihenweise nach unten - und die Börse klettert auf den höchsten Stand seit dem Ende der Asienkrise.

Noch nie hat sich der koreanische Aktienindex Kospi so lange über der Marke von 1 000 Punkten gehalten wie derzeit. Und so mancher Analyst geht davon aus, dass er die bisherige Rekordmarke von 1 112 Punkten knacken wird, die er 1994 erreicht hatte. Wie passt das zusammen?

Es ist - wie fast immer - die Zukunft, die die Börse treibt. Und nach einem wahrhaft schlechten Start der Wirtschaft in das Jahr hoffen die Börsianer, dass die Binnennachfrage in Korea in der zweiten Jahreshälfte endlich anzieht. Lange hatte eine massive Kreditkartenverschuldung den Privatkonsum am Boden gehalten. Positive Zeichen vom Arbeitsmarkt etwa lassen nun auf die Wende hoffen.

Ein Anziehen der Binnennachfrage käme höchst gelegen, denn die Exporte, die bisherige Wirtschaftsstütze, haben an Zugkraft verloren. Und ein hoher Ölpreis ist für das von Energieimporten immens abhängige Südkorea eine nicht zu unterschätzende Wachstums- und Gewinngefahr. Ob also das Rekordszenario der Börsianer aufgeht, ist noch nicht ausgemacht. Getrieben ist sie vor allem von ausländischen Investoren, die im Moment angesichts der weltweit niedrigen Zinsen ihr Geld investieren wollen. Die Optimisten argumentieren, eben weil der Kospi so hoch und obwohl Korea nicht auf dem Höhepunkt eines Konjunkturzyklus stehe, seien die Chancen so gut wie nie, neue Kursrekorde zu schreiben.

Hoffnung ruht für die zweite Jahreshälfte neben Binnen- auf Technologiewerten. Die Warenpreise in der Speicherchipbranche waren in der ersten Jahreshälfte ebenso am Boden wie die bei Flachbildschirmen. Das zweite Halbjahr verspricht für beide Branchen Besserung. Davon profitiert der Kurs von LCD-Bildschirmproduzent LG.Philips ebenso wie der von Chipbauer Hynix - oder natürlich der von Elektroriese Samsung Electronics. Samsung kommt dabei eine entscheidende Bedeutung zu. Das Unternehmen hat sich in seinen drei Kernfeldern Chipproduktion, Flachbildschirme und Mobilfunkgeräte glänzend positioniert. Zwar brach der Gewinn im zweiten Quartal deutlich ein. Aber auch das weckt nur die Hoffnung, dass die Gewinne fortan vor allem im Speicher- und LCD-Geschäft steigen werden. Woori Investment etwa hob das Kursziel für die Aktie in den kommenden zwölf Monaten um gut ein Fünftel auf 680 000 Won an.

Seit einiger Zeit wird aber die Macht der Samsung-Gruppe in der koreanischen Wirtschaft zunehmend kritisch gesehen. "Können wir Samsung noch kontrollieren?", fragte etwa die Tageszeitung Chosun Ilbo. Neben Samsung Electronics gehören nämlich 61 weitere Unternehmen zu der Gruppe, die über komplexe Überkreuzbeteiligungen miteinander verzweigt sind. Gegen ein Gesetz der Regierung, das die Stimmanteile der Finanztöchter in Konglomeraten limitiert, zieht Samsung gerade vor Gericht. Bisher haben Anleger dem Wunderkind aufgrund seiner immensen Kurssteigerungen so manchen Lapsus verziehen: die mehrmalige Kapitalhilfe für die Kreditkartenschwester Samsung Card ebenso wie die Tatsache, dass Chairman Lee Kun Hee an den Board-Meetings von Samsung Electronics nie teilnimmt.

Doch um die nächste Etappe zu erklimmen, muss sich Samsung um mehr Transparenz bemühen. Der Konzern sollte gerade wegen seiner Größe ein Vorreiter für andere Firmen sein, deren Kurse wegen Korruption und fehlender Transparenz in Korea von einigen Anlegern immer noch mit einem Abschlag versehen werden. Denn wenn der Samsung-Kurs anzieht, dann fällt es dem Kospi schwer, nicht auch zu steigen. Der Elektronikriese macht fast 20 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung in Korea aus.

Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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