Bulle & Bär: Prinzip Sisyphos
Bond-Renditen fallen nach kurzem Anstieg zurück

Die Anleiherenditen sind in den vergangenen Tagen gestiegen. Dennoch sprechen viele Faktoren gegen einen markanten Anstieg der sich gegenläufig zum Kurs entwickelnden Renditen. Denn an den Rentenmärkten lässt sich das „Prinzip Sisyphos“ beobachten.

FRANKFURT/M. Der Legende nach verdammten die Götter den König von Korinth dazu, sein Leben lang einen schweren Stein einen Berg heraufzurollen. Oben angekommen, rollte der Stein gleich wieder zurück, und Sisyphos musste von vorn anfangen.

Die Anleiherenditen können sich ebenfalls nicht auf ihren Hochs halten. Langfristig betrachtet fallen sie schon seit über 20 Jahren. Und dabei sinkt das Niveau – anders als bei Sisyphos – immer tiefer. In den vergangenen Wochen reichte schon ein marginaler Anstieg der Renditen, um sie in der Folge tiefer als zuvor fallen zu lassen. Auch bei Unternehmensanleihen wollen die Renditen einfach nicht oben bleiben. Selbst die Anleihen der von der Ratingagentur Standard & Poor’s inzwischen als unsolide Junk-Bonds eingestuften Zinspapiere der kriselnden US-Autokonzerne General Motors und Ford rentieren schon wieder drei Prozentpunkte unter ihren Hochs.

Anders als bei Sisyphos ist es natürlich nicht der Zorn der Götter, der die Bond-Renditen zum stetigen Rückfall zwingt, sondern eine Gemengelage verschiedener Faktoren. Ein Punkt ist die enorme Liquidität. Die Zentralbanken haben durch ihre Zinssenkungen viel Geld in die Wirtschaft gepumpt. Mit zwei Prozent ist der Leitzins der Euro-Zone so niedrig wie in keinem Land der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion seit Ende des zweiten Weltkriegs. Die US-Notenbank dreht zwar seit einem Jahr wieder an der Zinsschraube, mit drei Prozent liegen die Leitzinsen aber auch jenseits des Atlantiks deutlich unter ihrem historischen Mittel. Und das durch die niedrigen Zinsen freigesetzte Geld will irgendwo angelegt werden.

Dabei hat sich das Anlageverhalten der Investoren geändert. Obwohl die Aktienkurse seit mehr als zwei Jahren steigen, trauen viele Anleger den Dividendenpapieren noch immer nicht so recht. Das Platzen der Kursblase am Aktienmarkt vor fünf Jahren ist noch zu präsent. Zudem gehen immer mehr Versicherer und Pensionskassen dazu über, die Laufzeiten von Vermögenswerten den langfristigen Verbindlichkeiten anzupassen. Das gibt vor allem Anleihen mit langer Laufzeit Auftrieb.

Nach unten getrieben werden die Renditen auch durch die Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Konjunktur. In der Euro-Zone ist die Wirtschaft mau, und für die USA deuten Frühindikatoren auf ein schwächeres Wachstum hin. Dazu kommen jetzt noch Sorgen über eine Abschwächung der Konjunktur im Boomland China. Bei einer schwachen Wirtschaftsentwicklung und gleichzeitig niedriger Inflation sind nun mal Anleihen die bessere Alternative zu Aktien. Außerdem weckt langfristig die zunehmende Überalterung der Bevölkerung in den meisten Industrienationen Zweifel am Wirtschaftswachstum. Gleichzeitig setzen ältere Anleger vor allem auf Kapitalerhalt und fragen deshalb mehr Anleihen als Aktien nach.

Das „Sisyphos-Spiel“ an den Rentenmärkten wird deshalb weitergehen. Zwar könnte das grundlegende Renditeniveau – gemessen an langfristigen Staatsanleihen – in den nächsten zwölf Monaten um einen halben bis einen Prozentpunkt steigen. Doch das „Sisyphos-Prinzip“, nach dem die Renditen immer wieder von ihren Hochs herunterkommen, wird anhalten.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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