Bulle & Bär: Prognosen: Same procedure...

Bulle & Bär
Prognosen: Same procedure...

Endlich Schnee! Deutschland erlebt den Winter. Damit hat die Umgebungstemperatur die erlebte und erlittene Börsenkälte eingeholt. Frostig wird es den Anlegern über den Rücken laufen, wenn sie demnächst die Depotauszüge für das vergangene Jahr aus der Post ziehen. Anders die Prognosen für das laufende Jahr: Hier droht kein Frost.

FRANKFURT. Im vergangenen Jahr haben sich vor allem die Aktionäre unterkühlt. Bei Kursverlusten von einem Drittel bis zur Hälfte hilft weder der Norweger noch eine andere kuschelige Kleidung. Die Kälte ist durchdringend. Wer kuscheln möchte, der schaue lieber auf die Prognosen für das laufende Jahr. Hier droht kein Frost. Mit stoischer Gelassenheit verteilen die Berufs-Hellseher wärmende Zahlenkolonnen. Wie in jedem Jahr üben die Analysten den Gleichmarsch: einen Schritt nach vorn. Am Jahresende tippen sie in ihren turnusmäßigen Zwölfmonatsprognosen: Indexstände, die um fünf bis zehn Prozent über den zuletzt errechneten liegen. Das ist der simple Durchschnitt aller Vorausschauen. Er ist so vorhersagbar wie die jährliche Wiederholung des bekannten TV-Sketches „Dinner for one“ am Silvesterabend.

Die laufenden Umfragen machen keine Ausnahme. In den USA sehen die maßgeblichen Börsianer den wichtigen S&P-500-Index am Jahresende bei der Marke von 1 000 Zählern. Die hiesigen Auguren siedeln den Dax im Schnitt bei rund 5 200 Punkten an. Aber auch Analysten müssen eben überleben: Besser mit der gesamten Zunft falsch schätzen als sich mit einer abseitigen Prognose ins Rampenlicht zu stellen. Wer am Ende irrt, kann dann immer noch auf die Mehrheit verweisen, die eben auch falsch gelegen hat. Das gibt Sicherheit und rettet im Zweifel sogar den eigenen Job.

Zyniker wettern gegen solche vermeintlich nutzlosen Prognosen. Aber Durchschnittswerte bieten eben nur bescheidene Hilfe. Und sie ersetzen vor allem nicht die eigene Einschätzung, schon gar nicht in einer so großen Verunsicherung. Für 2009 haben Börsianer nur wenige verlässliche Orientierungspunkte: Das Wirtschaftswachstum dürfte weiter einbrechen; Notenbanken und Regierungen werden mit allen nötigen Mitteln gegensteuern.

Die Aktienbörsen haben inzwischen eine miserable Konjunkturentwicklung in den Kursen eingepreist – das ist demnach berücksichtigt. Nur im Fall eines unerwarteten Desasters, sei es ein weiterer großer Finanzschock oder eine echte konjunkturelle Katastrophe, dürften die Märkte noch einmal einbrechen. Über die Wahrscheinlichkeiten der beiden Szenarien lässt sich trefflich diskutieren.

Die Zukunft kennt niemand. Aber eine Empfehlung sei gewagt: Mutige können einen Teil des – hoffentlich vorhandenen – Cashbestandes in Aktien oder die inzwischen hoch verzinsten Unternehmensanleihen investieren. Risikoscheue Investoren sollten weiterhin mit dem Großteil des Geldes in kurzfristigen und erstklassigen Zinsanlagen ihr Kapital sichern. Das gewinnt keinen Preis für Originalität. Aber manchmal ist auch die Wiederholung reizvoll. Da treffen sich übrigens die Motive der konservativen Anleger mit denen der Analysten. Die erste Gruppe will ihr Geld schützen, die zweite ihren Arbeitsplatz.

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