Bulle und Bär
Rätselhafter Rentenmarkt

Die Lage an der Zinsfront hat sich entspannt. Seit die US-Notenbank vor gut einem Monat die Leitzinsen gesenkt hat, haben sich Ängste über Leitzinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) in Luft aufgelöst.

FRANKFURT. Den Aktienmärkten hat die deutliche Zinssenkung der US-Notenbank geholfen. In den vergangenen Tagen haben zwar die Gewinneinbrüche der US-Großbanken Citigroup und Bank of America die Wall Street wieder etwas belastet, kurz zuvor hatten die New Yorker Standardwerte-indizes aber neue Rekordhochs markiert, und die meisten europäischen Indizes legten zu.

Kalt ließ die überraschend deutliche Leitzinssenkung dagegen die langfristigen Kapitalmarktzinsen, also die zehnjährigen Staatsanleihen in den USA und im Euro-Raum. Die Renditen stiegen nach dem Fed-Schritt zunächst deutlich und sind erst in dieser Woche wieder gesunken. Unter dem Strich rentieren Zehnjährige jetzt mit rund 4,4 in den USA und 4,2 Prozent in Deutschland so hoch wie vor einem Monat. Dabei sollten nach der reinen Lehre die langfristigen Kapitalmarktzinsen in der Richtung dem Kurzfristzins folgen.

Umgekehrt hat dies aber lange Zeit auch nicht funktioniert. Als die US-Notenbank im Sommer 2004 mit Leitzinserhöhungen begann, reagierten die langfristigen Kapitalmarktzinsen in den USA kaum, und im Euro-Raum sanken sie. Dieses Phänomen bezeichnete der damalige US-Notenbankchef im Februar 2005 als vielzitiertes Rätsel.

Volkswirte erklärten dieses Rätsel nach und nach vor allem mit der überbordenden Liquidität. Außerdem führten sie an, dass Lebensversicherer und Pensionsfonds - auch durch gesetzliche Regelungen - ihre Auszahlungsverpflichtungen mit ihren Einnahmen in Einklang brachten und deshalb vor allem lang laufende Anleihen kauften. Dies trieb die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe vor gut zwei Jahren auf ein historisches Tief von drei Prozent.

Das Rätsel löste sich erst auf, als die Weltwirtschaft in Schwung kam und viele Notenbanken der Fed mit Zinserhöhungen folgten. Von April bis Juni diesen Jahres beschleunigte sich der Renditeanstieg, danach ließen die Sorgen über die US-Immobilienkrise und die Liquiditätsklemme die Renditen wieder sinken; unter das Niveau vom Jahresanfang fielen sie indes nicht.

Zu erwarten ist jetzt ein weiterer moderater Renditeanstieg. Noch steht zwar die Frage im Raum, wie deutlich sich die US-Wirtschaft und die Wirtschaft im Euro-Raum als Folge der Subprime-Krise abschwächen werden. Eine Rezession, die Anleger in Scharen in sichere Rentenpapiere treiben würde, fürchtet aber kaum jemand. Anleger, die Anleihen bis zur Fälligkeit halten, sollten sich angesichts der zu erwartenden leicht steigenden Renditen nicht lange binden und kurzlaufende Bonds kaufen. Das empfiehlt sich auch deshalb, weil diese nach wie vor nur etwas weniger Rendite bringen als Langläufer.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
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