Bulle & Bär
Ratings lassen Fragen offen

Die Ratingagenturen gehen in die Offensive. Als erste Agentur hat Standard & Poor?s (S&P) in der vergangenen Woche ein umfassendes Reformpaket angekündigt. Dabei geht es im Kern darum, transparenter zu werden, den Vorwurf der Interessenkonflikte auszuräumen und die Analysequalität zu verbessern.

FRANKFURT. Die Ratingagenturen gehen in die Offensive. Als erste Agentur hat Standard & Poor?s (S&P) in der vergangenen Woche ein umfassendes Reformpaket angekündigt. Dabei geht es im Kern darum, transparenter zu werden, den Vorwurf der Interessenkonflikte auszuräumen und die Analysequalität zu verbessern. Damit wollen die Bonitätswächter die Grundlage ihres Geschäfts - das Vertrauen der Märkte in ihre Kreditbewertungen - zurückgewinnen. Der auf den Druck von Aufsehern und Investoren zustande gekommene Ansatz ist im Prinzip gut - wirft aber gleichzeitig neue Fragen auf.

Ratingagenturen - die großen Drei sind S&P, Moody?s und Fitch - bewerten die Ausfallwahrscheinlichkeit von Anleihen und Krediten. Seit dem Sommer sind sie unter Beschuss geraten, weil sie die Auswirkungen der Subprime-Krise drastisch unterschätzt hatten. Strukturierte, mit Subprime-Krediten schwacher US-Hypothekenschuldner gedeckte Anleihen und Anleihepools sind - wie alle strukturierten Produkte - kaum noch handelbar. Die Ratings wurden allerdings erst spät, dann jedoch massenweise gesenkt. Banken mussten weltweit bereits mehr als hundert Milliarden Dollar im Zuge der Subprime-Krise abschreiben.

Und das alles, obwohl ein Großteil der strukturierten Papiere von den Ratingagenturen die Topnote Dreifach-A hatte. Viele Investoren hatten sich darauf verlassen, dass ein "AAA" nicht nur mit minimaler Ausfallwahrscheinlichkeit, sondern auch mit Stabilität und Liquidität gleichzusetzen ist. Das war sicher ein Fehler der Investoren, dennoch fragt man sich, warum die Agenturen die Liquidität und die Wechselwirkungen mangelnder Handelbarkeit vor der Subprime-Ära nicht auf der Agenda hatten.

Fragen nach der bisherigen Analyse wirft auch auf, dass sich S&P künftig bei der Bewertung der Kredite, die den Strukturierungen zu Grunde liegen, nicht mehr vor allem auf die Angaben der Banken verlassen will. Eigene Prüfungen hätte man eigentlich erwartet; der TÜV verlässt sich schließlich auch nicht auf die technischen Angaben der Autohersteller. Ähnliches gilt für die Ankündigung, dass erst jetzt ein Komitee vorab bewerten will, ob es für die Bewertung neuer Produkte genügend Daten gibt und wo die Risiken der Analyse liegen. Dies sollte selbstverständlich sein.

Die Frage nach den Interessenkonflikten löst das erweiterte Modell von S&P nur im Ansatz. Künftig sollen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften oder Anwaltskanzleien die Unabhängigkeit der Ratings bewerten. Das Grundproblem bleibt aber bestehen: Auf der einen Seite beraten Agenturen die Banken bei strukturierten Finanzierungen, auf der anderen Seite vergeben sie dafür dann Bonitätsnoten.

Trotz aller Kritik an den Agenturen ist eines klar: Ohne Ratings wäre die Finanzwelt noch viel intransparenter und weniger vergleichbar. Investoren sollten sich allerdings nicht mehr blind auf die Ratings verlassen.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%