Bulle & Bär
Riskanter Irrglaube

Mancher Anleger reibt sich derzeit verwundert die Augen: Während die Nachrichtenlage im Bankensektor katastrophal ist und die US-Wirtschaft am Rande einer Rezession steht, halten sich die Aktienmärkte überraschend stabil. Verschwörungstheoretiker haben dafür zwei Erklärungen.

DÜSSELDORF. Die eine lautet, dass Marktmanipulateure die Aktienmärkte stabilisieren, um den unvermeidlichen Absturz zu verhindern. Die zweite lautet, dass die Aktienkurse in den letzten Jahren vor allem durch eine viel zu laxe Geld- und Zinspolitik in Verbindung mit Exzessen mit Finanzderivaten künstlich in die Höhe getrieben worden sind. Während die These der Marktmanipulation schwer zu widerlegen ist, lohnt sich für Anleger ein Blick auf die zweite Erklärung. Sie würde bedeuten, dass die Unternehmensgewinne in den letzten Jahren vor allem aufgrund der exzessiven Nutzung von Fremdfinanzierungen und niedrigeren Zinsaufwendungen hätten steigen müssen.

Die Analysten der Credit Suisse haben daher untersucht, wie sich die Steigerungen der Eigenkapitalrenditen seit Ende der 70er-Jahre zusammensetzen - mit überraschenden Ergebnissen. Denn tatsächlich hat der Einsatz von Fremdfinanzierungen im laufenden Börsenzyklus seit 2002 sowohl in den USA als auch in Europa überhaupt keinen Beitrag zu den Renditesteigerungen geleistet. Auf sinkende Steuern und Zinsen entfällt nur ein kleiner Anteil. Rund vier Fünftel sind höheren Gewinnmargen zuzuschreiben. Im Klartext: Die Unternehmen haben ihre Kosten gesenkt und konnten schlicht höhere Preise durchsetzen, ganz ohne verschwörungstheoretischen Hokuspokus vom billigem Geld und den künstlich niedrigen Zinsen.

Das war früher anders, denn in den 80er-Jahren war es tatsächlich der mutige Einsatz von Fremdfinanzierungen, der für die Gewinnsteigerungen entscheidend war, in den 90er-Jahren hingegen die sinkende Zinslast für Unternehmen.

Sind das nun gute Nachrichten für Anleger? Mitnichten. Gerade weil die Unternehmen in den letzten fünf Jahren vor allem in der Profitabilität erhebliche Fortschritte gemacht haben und von der Globalisierung profitieren, bewegen sich die Aktienmärkte heute stärker denn je wie ein Optionsschein auf die Weltwirtschaft. Die positiven Effekte der letzten 25 Jahre - sinkende Zinsen, Steuern, Inflation und unternehmerischer Wagemut mit Fremdkapital - lassen sich leider nicht einfach fortschreiben, sie haben bereits ihren Beitrag geleistet. Auch dürften die Börsenzeiten erheblich turbulenter werden, denn die Volatilität der Gewinne als auch die Spanne der Gewinnerwartungen war nie so hoch wie heute und dürfte aufgrund der engen Kopplung an die Weltwirtschaft eher noch größer werden. Zudem ist es gerade wegen der Kraft der Globalisierung eine Illusion zu glauben, man könnte sich angesichts der engen Verflechtungen mit einer kreativen Allokation der Gelder - etwa raus aus den USA, rein in Schwellenländer - einer globalen Rezession entziehen.

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