Bulle & Bär
Russische Börse: Besser nur Spielgeld einsetzen

Vermögende Russen lieben das Leben auf der Überholspur. Das spiegelt die Moskauer Börse wider. Die Aktienkurse machten in den vergangenen Jahren hohes Tempo, ließen die Börsen vieler anderer aufstrebender Märkte hinter sich – Dax und Dow hatten erst recht keine Chance.

MOSKAU. Die meisten Experten fürchten zwar nicht, dass der Wachstumsmotor jetzt ins Stocken geraten könnte. Hier und da werden allerdings Warnungen laut, dass die politischen Risiken nicht zu unterschätzen seien.

Auf den ersten Blick scheint das Land fest in der Hand der Optimisten zu sein. Szenetreffs für die Reichen und Schönen prägen vielerorts das Moskauer Leben. Junge Männer kämpfen mit ihren Ferraris und Maseratis um Parkplätze vor den Szenekneipen, in die sie ihre Freundinnen ausführen, die meist an Titelbilder aus der Modezeitschrift „Vogue“ erinnern. Auch in der Finanzbranche lebt es sich gut. Fondsmanager verdienen hier deutlich mehr als etwa in Frankfurt.

Der Aufstieg einer kleinen Minderheit ist teuer erkauft: Im Osten herrscht der Wilde Westen. Regimekritiker beklagen den Zerfall der staatlichen Ordnung und die allgegenwärtige Korruption. Wer Fracht über den Flughafen einführen will, muss damit rechnen, dass er das Gut nur gegen eine „Gebühr“ wieder sein Eigentum nennen kann. Und wenn am Airport kompakt daherkommende Personen gegen viel Geld ihre Kofferträgerdienste anbieten, sträubt man sich kaum.

Auch der internationale Vergleich stimmt nachdenklich. In einschlägigen Länderranglisten über Bewertungen von Korruption oder Eigentumsrechten wurde Russland in den vergangenen Jahren nach unten durchgereicht. Vielleicht ist die Ökonomie auch deshalb im Vergleich zur Konkurrenz abgerutscht.

Kritische Geister blicken hinter das optisch hohe Wirtschaftswachstum von jährlich sieben Prozent. Ähnlich rohstoffreiche Länder auf dem früheren Territorium der Sowjetunion stehen besser da. So wächst etwa Kasachstan mit zweistelligen Raten, Aserbaidschan legte im ersten Quartal dieses Jahres spektakuläre 40 Prozent zu.

Die Optimisten verbuchen die Probleme als typische Risiken in aufstrebenden Ländern. Sie geben den Wachstumsperspektiven Russlands größeres Gewicht. Und recht billig sind die Aktien immer noch. Hier gilt: Wer nicht mitspielt, der verpasst auch die Gewinnchance.

Ein bekannter Russe machte das zu seinem Leitspruch. Der Literat Leo Tolstoi verschrieb sich vor eineinhalb Jahrhunderten wie viele seiner Landsleute dem Glücksspiel und war häufiger Gast in den westeuropäischen Spielkasinos. Er war geradezu süchtig und ruinierte sich beispielsweise in der Baden-Badener Spielhölle. Damals suchten Russen in Westeuropa ihr Glück, jetzt treten Westeuropäer und andere aus dem gleichen Grund die Reise nach Osten an. Sie sollten eines aus der Biografie Tolstois lernen: Nur Spielgeld einsetzen, nicht Haus und Hof riskieren.

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