Bulle und Bär
Schanghais Börse – Zocken auf chinesisch

Die Chinesen sind glücklich. Der Maoismus ist tot, es lebe der Kapitalismus. Und der Kapitalismus lässt seine Muskeln spielen; auf Außenstehende wirkt er wie eine gedopte Version der eher schmalbrüstigen westlichen Ökonomien - gemessen an der Dynamik.

FRANKFURT. Die klassischen Industrieländer feiern schon einige wenige Prozente Wachstum. China dagegen scheint zweistellige jährliche Zuwächse abonniert zu haben. Und auch an den Börsen läuft es prächtig. Der Aktienindex in Schanghai scheint nur eine Richtung zu kennen - die nach oben. Seit Anfang vergangenen Jahres hat er sich fast vervierfacht. Auf langfristigen Charts sieht der Verlauf des Indexes so aus, als habe man sich verrechnet - so steil ist der Anstieg.

An der Hausse haben die Einheimischen kräftig mitgearbeitet. Was dem Deutschen sein Lottospiel, ist dem Chinesen das Zocken an der Börse. In den rasant wachsenden Küstenregionen steckt das Börsenfieber immer mehr Städter an. Schätzungen zufolge besitzen bereits zwei von drei Einwohnern in Schanghai ein Brokerdepot. Die Chinesen lieben Spiele. Roulette oder Börse, das ist Einerlei. Immer mit vollem Risiko.

Schon machen Geschichten von Rentnern die Runde, die ihre Sparkonten plündern und mit den Mitteln fröhlich die schnelle Geldvermehrung proben. Schnell rein und schnell wieder raus, lautet das Gebot der Stunde. Der bekannte Vermögensverwalter Marc Faber mit Firmensitz in Hongkong ist mitten im Geschehen. Seiner Beobachtung nach halten die Chinesen eine Aktie im Schnitt gerade einmal zwei Monate.

Das Kurs-Tempo ist nicht zu halten. Einige Experten warnen und erinnern an die kalte Dusche im Februar, als die Notierungen rapide absackten - wenn auch nur kurzfristig. Selbst Inländer wie der Präsident der Peoples Bank of China oder der Milliardär Li Ka-Shing, der reichste Mann Asiens, sorgen sich. In Schanghai haben die Kurs-Gewinn-Verhältnisse die Marke von 40 bereits überschritten. Aktien sind demnach teuer.

Ausländische Investoren wie etwa Fondsmanager stecken in einem Dilemma, wie die Ratingagentur Standard & Poor's registriert. Disziplinierte Asset-Manager werden bestraft. Wer teure Aktien nicht kaufte, der musste anschließend den Kursen hinterher schauen - und steht jetzt im Performancevergleich mit seinen weniger disziplinierten Konkurrenten miserabel da.

Anleger müssen sich also entscheiden: die teuren Aktien meiden oder aber Augen schließen und mit der Hoffnung auf weiter kletternde Kurse doch noch kaufen. Die chinesischen Großstadt-Zocker wählen die letzte Variante. Wer dagegen auf die Bewertungen schaut und unbedingt eine Verbindung zu China sucht, wird möglicherweise auf die Börse Hongkong ausweichen. Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse liegen dort noch unter 20. Ein Trost für die zu spät gekommenen Anleger.

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