Bulle & Bär
Schockwellen aus Peru

Die Verstaatlichungen der Gasindustrie in Bolivien am 1. Mai sorgten weltweit für Aufmerksamkeit. Investoren fragen sich, ob der dreijährige Höhenflug an den Börsen Südamerikas nun enden wird. Die Entwarnung vorweg: Die meisten Portfolio-Investitionen in Südamerika konzentrieren sich auf die Börsen in Brasilien und Chile.

SAO PAULO. In diesen Ländern droht weder eine Verstaatlichung noch ein populistischer Schwenk. Beide Standorte profitieren von anhaltend guten Gewinnaussichten der Unternehmen. Mit der Beschränkung auf Brasilien, Chile und im kleineren Umfang Kolumbien fahren die Investoren gut.

Doch wäre es zu einfach, die Vorgänge in Bolivien als unwichtig abzutun. Denn Bolivien ist ein weiteres Glied in der Kette des neuen Populismus in der Region: Zuvor haben Argentinien mit seinem Default, der harten Umschuldung und der diskriminierenden Behandlung ausländischer Konzerne das Vertrauen der Investoren strapaziert. Auch die schleichende Verstaatlichung der Ölindustrie in Venezuela und der autoritäre Kurs seines Präsidenten erhöht das Risikoempfinden der Investoren gegenüber Südamerika.

Deshalb reduzieren ausländische Konzerne ihre Investitionen in Südamerika schon seit 2000 von Jahr zu Jahr.Das wird mittelfristig auch die Aktienmärkte in den „soliden“ Staaten belasten. Denn die Länder im südlichen Teil des Kontinents haben sich in den letzten Jahren stärker untereinander integriert. So ist Argentinien für Chile und für Brasilien ein wichtiger Exportmarkt. Chile ist über Argentinien an das bolivianische Gas angeschlossen. Brasilien andererseits importiert rund fünf Prozent seiner gesamten Energiematrix als Erdgas aus Bolivien. Das scheint nicht viel, täuscht aber über die hohe Bedeutung des Gases für Brasiliens Industrie in Südosten hinweg.

Die andere entscheidende Frage ist, ob es in Südamerika weitere Kandidaten für Verstaatlichungen der Rohstoffressourcen gibt. Auf den ersten Blick hat nur Peru ein ähnliches Profil. Auch das im Vergleich zu Bolivien wesentlich reichere Andenland ist gespalten in Arm und Reich. Peru hat aber eine breiter diversifizierte Bergbauindustrie, daneben Land- und Fischwirtschaft sowie ein traditionelles Bildungssystem, das Aufstiegschancen bietet. Trotzdem hat auch dort ein Populist gute Chancen, an die Macht zu kommen. Es ist jedoch völlig offen, ob Ollanta Humala gewählt wird. Es ist auch nicht klar, ob er Morales und Chávez folgen wird.

Doch in Peru steht für Investoren mehr auf dem Spiel als in Bolivien: Denn in dem Land sind fast alle großen Bergbaukonzerne der Welt versammelt. Das Andenland gilt zurzeit als einer der attraktivsten Standorte der Branche weltweit. Eine Invasion der Minengesellschaften á la Bolivien würde Schockwellen durch die Rohstoffbörsen weltweit jagen. Auch die Aktienkurse der in Peru engagierten Konzerne dürften dann unter Druck kommen. Vorsicht bleibt also angebracht.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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